Rosenfingrige Morgenröte oder die Rückreise

Rosenfinger, rosenfingrige Morgenröte. So heißt es bei Homer. Morgenröte bei der Abfahrt nach Norden, wohin so viele wollen. Ist die Grenze geöffnet? Können wir in das nächstgelegene Land und von dort weiter, weiter, die aufgehende Sonne noch zur Rechten, später durch die Rückscheibe scheinend, später, später auf der langen Reise.

Rosenfinger, abgelöst durch Regenwolken, dunkel wird es, Regen fällt, Wasser steht auf der Straße, vorsichtiges Fahren, ein Silberstreif am Horizont, über dem Land rosenfingriges Licht, gelbfingrig, weiß.

Sind die Übergänge geschützt, kontrolliert, werden wir aufgehalten werden? Die Dokumente und die Pässe sind vorzuzeigen, in eine ausgestreckte Hand zu legen, bist du der und der, bist du die und die, hast du den richtigen Namen, bist du ein Doktor, ein „medical“ Doktor, wieso fährst du als Deutscher keinen deutschen Wagen – also hast du kein Geld!

Weiter, die Durchschnittsgeschwindigkeit ist schon hoch, die nächste Mautstelle bremst uns aus, herunterschalten, verlangsamen, wieder schneller werden, die Geschwindigkeit im Auge behalten, das hier sind arme Länder und die Polizei zieht die Geldstrafen augenblicklich ein, wenn sie können.

Hellblauer Rauch von Dieselmotoren und ein bestimmter Geruch, der an ihm hängt: der Einsatz einer Abteilung Panzer, auf Tiefladern zum schnelleren Transport nach Süden, zur Grenze, wen sollen sie aufhalten, wen werden sie bekämpfen, oder ist das eine Übung für die Soldaten? Welche Gefahr kommt herauf und löst sich wieder, ist es die Tartarenwüste: vergebliches jahrelanges Warten und im Augenblick der endlich auftretenden Gefahr bricht alles zusammen, ein Angriff fremder Reiter aus der Wüste, die Tartaren; sind wir vorbereitet?

Der Weg führt an Baustellen vorbei, die eine zukünftige schnellere Passage erhoffen lassen, vielleicht im nächsten Jahr. Hoch im Berg stehen die Pfeiler, an den Hängen wird der Stein freigelegt und abgetragen, zermahlen unten im Tal. Die Überleitungen zwischen der alten Straße und einem neuen Teilstück, nur wenige hundert Meter lang, bedeuten schnelles Bremsen, Umlenken, in die Kurven.

An den Berghängen Häuser, giebelgewandt zum Tal, dazwischen scheint das Grün der Wiesen auf, die dunklen Wälder, kein Rauch steigt auf, das Land so leer, einzelne Menschen mit Plastiktüten ziehen umher, mit einem Ziel vor Augen, das ich nicht erkennen kann, verlassenes Land, halb vergessen. Mit was wartet das Leben für diese Menschen auf, was kann es versprechen, wozu sollen sie bleiben? Gebräunte Gesichter, kein Lachen ist zu sehen, der Hund wird gepfiffen, die Bauern hüten jeweils nur zwei Rinder, ist das ihr einziger Besitz?

Überquerungen der Donau gibt es viele, manchmal sind sie mit einem Hinweis versehen, oft nur gewußt durch das Studium der Karten. Blatt für Blatt wird umgewendet, wo ist der nächste Grenzübergang, wird er geöffnet sein oder verstopft von den vielen Fahrzeugen?

Die Benutzung einer Toilette kostet 50 Cent. Wird kein Obolus verlangt, so merkt man es sogleich.

Notdurft. Woher kommt das Wort? Woher haben wir es genommen, entliehen, verformt?

Neonlichter tauchen auf, doch noch ist nicht Nacht, die Monumentalbauten der Stadt Belgrad sind noch fern, Stunden werden vergehen, bevor die Gelassenheit Budapests zu erahnen ist.

Bald kommst du von der Anhöhe herunter, querst das Tal, den breiten Fluß, zwischen den häßlichen Häusern hindurch, will hier jemand wohnen oder ist froh, eine Wohnung ergattert zu haben?

Dunkel, graubraun ist es immer noch, wie im realen Sozialismus, die Farbechos sind als Spuren zu sehen. Nur wenige Reklameschilder, sie versprechen das Glücklichsein irgendwo.

Bilder. Dörfer, Landschaften, Städte ziehen vorüber, die Kilometer summieren sich bis zu einem Halt.

Rechts und links, vorne und hinten stehen die anderen, die Motoren laufen noch, doch das wird sich ändern, um Benzin zu sparen in der langen Zeit, die zu warten ist. Die Autos werden geschoben, manchmal die Frau draußen, der Mann oder ein minderjähriger Sohn als Fahrer drinnen oder die Kinder tun es zum Spaß. Alle anderen um uns fahren deutsche Autos zumeist, tragen goldene Ketten am Hals und an der Hand, goldene Uhren und sie zeigen, was sie haben, in der alten Heimat zeigen sie es mit den Automarken zuerst. Pantoffel für ein bequemes Reisen. Doch nun gibt es kein Reisen mehr, nur das meterweise Vorrücken, Vorschieben, Motor anlassen, drei Schritt, Motor abstellen. Warten. Immer mehr Autos hinter uns, ich weiß es nicht, die Reihe ist zu lang, nach vorne sieht man ein Schild: 1500 Meter. Nach einer halben Stunde: 1300 Meter, aber danach kommt die nächste Grenze, der Stau reicht durch die vor uns liegende Station mit den Beamten in ihren Häuschen hindurch.

Woher kommen die Leute, wohin werden sie sich verflüchtigen, wenn sie das Zeichen zur Weiterfahrt erhalten? Wer wird herausgezogen zur genaueren Untersuchung, die Koffer, die Kartons, die mitgeführt werden, was ist in ihnen, ist es erlaubt, wie viel Alkohol darf mitgenommen werden, wie viele Zigaretten, die Lebensmittel, das unverzollte Benzin, unerlaubte Mitbringsel.

Wo aber sind die Flüchtlinge, die drunten an der Grenze gemeldet waren und unsere Fahrt in Frage gestellt oder einen Umweg erzwungen hätten? Sind sie in den Bussen, sind sie in den LKWs versteckt, unter der Ladung? Wie wird kontrolliert?

Unsere Dokumente sind in Ordnung, das wissen wir seit der ersten Kontrolle, was wollen die da vorn von uns, wir sind europäische Bürger, wir wollen nach Hause, wir bringen keine verbotenen Dinge mit, wir sind keine Schlepper, und wir stehen in keinem Fahndungsbuch (in das niemand hineinschaut), es sei denn, unsere Namen sind verwechselt worden, wie später im Hotel.

Hast du den richtigen Vornamen, wie er im Paß steht, den du herausgereicht hast? Sagst du glaubwürdig, du seist diese oder jene Person, wenn du gefragt wirst?

So wird Auto für Auto durchsucht mit dem Abgleich der Daten und es entsteht eine Ansammlung ungezählter Autos, die sich aneinander reihen, bis in das Nachbarland zurück. Die Autokennzeichen verraten die Herkunft; es gibt Schilder mit unbekannten Länderzeichen, die werden wir später überprüfen; Lettland, Finnland, N ist Norwegen, NL sind die Niederlande, LT vielleicht Litauen, UA die Ukraine, A steht für Austria und AL für Albanien. Die sind besonders intensiv zu prüfen, brauchen sie ein Visum? Wir wissen es nicht, und wir bemerken keinen Unterschied, wenn sie an der Reihe sind.

Blau ist der Himmel, weiß sind die Wolken, bald ist es Nacht, da stehen wir immer noch, kaum sind wir vorgerückt.

In der Frühe, lange später, strahlt der Mond über dem Palast, in dem sich Kaiserin Sissi gefiel, welch ein Trost und welche Freude!

„Tartarenwüste“ ist der Titel eines Romans von Dino Buzzati (1940), 1976 verfilmt von Valerio Zurlini.

[Diese Reise wurde am 22.8.2015 unternommen, die Strecke: 1100 km, Start: 5:30 (6:30 gr. Zeit), Ankunft: 2:00 am folgenden Tag; der Aufenthalt an der serbisch/ungarischen Grenze dauerte 5,5 Std. Die zweite Etappe – nach einem Ruhetag in Budapest – war genauso lang. An dieser Strecke, kurz vor Wien, wurde drei Tage später ein LKW mit einundsiebzig toten Flüchtlingen gefunden.]

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