Ohne Anschluß

Mein Geschäft ist Software; ich sitze den ganzen Tag am Computer und bearbeite Wörterbücher und entwickle Programme, die die Einträge der Wörterbücher nutzen können. Eigentlich sitze ich an einem Computer und gleich daneben läuft ein zweiter Computer für andere Anwendungen.

Während dieser Zeit bin ich ständig online – alle 10 bis 15 Minuten wird automatisch nachgeschaut, ob neue E-Mails eingetroffen sind. Gibt es welche, so wird mir das durch einen hellen Ton signalisiert.

Manchmal mache ich eine kleine Pause, manchmal muß ich auf das Ende eines Arbeitsvorganges warten – ich nutze diese Zeit, um die Nachrichten in den Internet-Zeitungen zu lesen. Manchmal schreibe ich dabei einen Kommentar zu einer Nachricht oder zu einem Bericht.

Das Radio ist zu hören, es kommt ebenfalls aus dem Netz. Meistens höre ich den lokalen Sender mit klassischer Musik, mit über den Tag verstreuten Nachrichten oder Lesungen und Gesprächen. Die Sendungen haben hübsche französische Namen wie „En Passant“ oder „Après-Midi“ oder „Mouvements“, dazu die zarten Stimmen der Ansagerinnen, oder sind es Kommentatorinnen?

Es gibt natürlich auch männliche Stimmen, ich bevorzuge aber die Stimmen von Maria und Gabi. Sie haben auch Nachnamen, denn das ist kein Pop und Rock, wo man sich duzt – ich kenne sie nicht persönlich. Diese sanften Stimmen erklären das kommende Musikstück, nennen den Komponisten, die Solistin, das Orchester, den Aufnahme-Ort und das Aufnahme-Datum. Manchmal werden Einzelheiten über die Entstehung des Werkes, von der Erstaufführung oder anderen Details, die die Hörer zu interessieren scheinen, hinzugefügt.

Wenn dann eine Stunde lang Jazz auf dem Programm steht, muß ich mir einen anderen Sender suchen. Es ist eine Radiostation aus Kalifornien, auch sie sendet nur klassische Musik. Der Vorteil dieser Station ist die Zeitverschiebung, denn ich höre sie, wenn es dort Nacht ist, und die Kommentare noch spärlicher sind als tagsüber; gegen Morgen (dort) gibt es Wetternachrichten – regnet es vielleicht in San Francisco?

Nach einer Stunde kann ich wieder zu meinem lokalen Sender zurückschalten, so daß ich die Nachrichten (hier) umschiffe, oder in eine Lesung hinein höre, die über Wochen ein ganzes Werk eines Autors in Teilen sendet.

 

***

 

All das ist nun vorbei: ich bin ohne Anschluß, denn das Gerät, das den Zugang zum Internet steuert, ist defekt.

 

Stille, keine einlaufenden Meldungen, mit einem leisen doch deutlich hörbaren Ton angekündigte E-Mails, keine Internet-Zeitung, kein Radio. Stille und Ruhe.

 

Keine sanfte Stimme, die von Beethoven berichtet, oder eine Nocturne ankündigt von Chopin oder den ersten Satz einer Symphonie von Brahms oder Mozart oder ein Stück von Arvo Pärt. Auch keine „Musik der Welten“, in der fremde Musik zu hören ist, fremd und anziehend, oder fremd und verwunderlich.

 

Ruhe ist eingekehrt, nichts läuft im Hintergrund, im Unterbewußten. Die Neuigkeiten aus der Welt mit ihren Krisen müssen warten. Es gibt sie einfach nicht, sie existieren nicht. Ein Erdbeben, ein Attentat, ein Staatsbesuch, ein neuer Skandal. Die Entwicklungen an den internationalen Börsen an diesem Tag, oder gar überaus wichtige Nachrichten aus der Welt des Sports – steht ein neuer Trainerwechsel an, wie sind die Prophezeiungen für das morgige Spiel ?

 

Ich nehme nichts mehr davon wahr. Ich bin abgeschnitten. Draußen singt ein Vogel. Draußen singt wieder ein Vogel.

Augenblicklich eintreffende Botschaften treffen nicht ein: der Kanal ist tot.

 

 

Früher kam die Post einmal am Tag. Kommt sie immer noch einmal am Tag?

Wie wurden die Briefe erwartet, wie sehnlich wurde der Briefträger erwartet während einer Liebschaft, die nur die Korrespondenz zum Leben hatte und die Erwartung der angekündigten Treffen. Einmal am Tag. Ankunft dann und dann, dort und dort. Ich kann so und so lange bleiben.

Wann kommt der Briefträger? Um die Mittagszeit? Ist er schon vorbeigekommen? Es gibt also heute keinen Brief! Schreibe ich schon an der Antwort?

 

Immer noch mit dem selben Füller in meiner Hand, an den Fingern die Tintenflecke, auch jetzt. Und draußen singt ein Vogel.

[E.S. 09.05.2014]

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