Die Buchmesse, (die Kunstmesse)

Liebe Anja[1]!

Jetzt berichte ich dir von der Buchmesse, weil du gestern den Messebesuch als interessant und anregend gewertet hast. Mein Bericht ist ganz und gar subjektiv, genauso wie alle hier versammelten Briefe und Essays; ich will es nicht anders, denn nur so ist der Bericht für mich wahr.

Die diesjährige Frankfurter Buchmesse hat fast 8.000 Aussteller und fast 300.000 Besucher. Von denen bin ich einer; seit vielen Jahren bin ich jedes Jahr hier, früher mit einem eigenen Stand für meinen kleinen Verlag. Nach dem Jahr, in dem ich keine neuen Titel anbieten konnte und es keine Bestellungen mehr gab, bin ich nur noch als Besucher, als Fachbesucher wohlgemerkt, hierher gekommen. So kann ich dem Ansturm der „normalen“ Buchinteressenten entgehen.

Ich will nicht weiter auf diesen Typ des Messebesuchers eingehen, sondern mich auf das beschränken, was ich erlebt habe. Ich besuche die Messe nicht als Literat (ein Autor gegenüber hunderttausenden von Büchern, die nicht von ihm verfaßt sind, ist niederschmetternd!), ich besuche die Messe, weil es eine Abteilung gibt, die sich mit den Programmen rund um das Buch beschäftigt.

Das sind Probleme mit folgenden Fragen: wie kann ich einen Text in ein Buch verwandeln, wie kann ich diesen Text in ein elektronisches Buch verwandeln? Wie kann ich die Menge an Informationen, die in einem Buch oder in einer ganzen Bibliothek oder in mehreren Bibliotheken enthalten sind, verwalten, in einer Art und Weise, daß eine schnelle und zielgenaue Suche ermöglicht wird, auch in verschiedenen Sprachen und mit ihren unterschiedlichen Zeichensätzen? Wie können die Rechte an einem Text geschützt und kontrolliert werden? Wie werden Inhalte effektiv gespeichert, für eine Suche aufbereitet (in „real time“) und von einem digitalen Format in ein anderes Format umgewandelt? Wie kann das Geld für eine Buchproduktion gesammelt werden und welche Maßnahmen können die Vermarktung eines Titels unterstützen? Wie werden die Daten einer Bibliothek verwaltet, wie wird der Bestellprozeß weltweit organisiert?

All das findet in der Halle 4 über drei Etagen statt, während die Literatur selbst, in verschiedene Abteilungen gegliedert, in den anderen riesigen Hallen, ebenfalls über mehrere Etagen, zu besichtigen ist.

Ich komme mit dem Zug nach Frankfurt, einige der Mitpassagiere schätze ich als Messebesucher ein, denn sie haben einen verklärten, manchmal träumerischen Blick: das Buch, die Literatur! Das sind die Buchhändler und -händlerinnen, die noch nicht in dem Geschehen um das Buch untergegangen sind und ihren Elan noch nicht verloren haben.

In der Halle 4 angekommen, beginne ich, meine Termine abzuarbeiten. Es geht hier um das Digitale, was rein zufällig der Inhalt der Bücher, Zeitschriften oder Online-Angebote von Verlagen und Institutionen ist. Die anderen Hallen sind dem tatsächlichen Buch gewidmet, aber die kann ich nicht besuchen, denn mir fehlt die Zeit. Verführerisch ist es, in den anderen Hallen der Kultur herumzuschlendern, als Wanderer zwischen den Welten, um ein wenig durchzuatmen.

Blickt man auf einer Etage gleich am Eingang nach rechts, so findet man dort die Bühne eines Fernseh-Kanals, auf der Diskussionen über Bücher und deren Autoren stattfinden. Da sitzen zwei Personen und unterhalten sich über ein Buch, das einer der Dialog-Partner wohl geschrieben hat und die andere Person befragt sie dazu. Eine große Zuschauermenge ist um die Bühne versammelt und schaut zu. Wer hat das Buch, über das gesprochen wird, je gesehen, in der Hand gehalten oder etwa gelesen?

Das Theater setzt sich fort und ich schlängele mich durch die Zuschauer, weil ich anderswohin muß, zu einem Termin, der auf 13 oder 14 Uhr fixiert ist. Ich will den Termin nicht verpassen, denn er wird mir die eine oder andere Fahrt in eine entferntere Stadt ersparen. Ich kann mehrere Gespräche hintereinander führen, ich muß nur die Standnummer und die Halle wissen, um mich dorthin durchzuschlagen. Das ist der Vorteil der Buchmesse, der Vorteil jeder Messe: wir treffen uns und verabreden ein Geschäft, im günstigsten Fall, oder wir verabreden uns für einen anderen Zeitpunkt, um ein Projekt zu starten, oder wir verabreden einen weiteren Kontakt, ein Telefonat vielleicht, für dann und dann, in einem Vierteljahr, in einem halben oder einem ganzen Jahr.

Dann kommt zufällig ein Geschäftsfreund vorbei, oder ist es nur ein Bekannter vom letzten Jahr? – jedenfalls gehen wir zur nächsten Bar, um uns zu unterhalten, seine Frau kommt hinzu, per Telefon aus einer anderen Halle herbeigerufen, die Unterhaltung beschäftigt sich mit dem Wesen der Bibliotheken und der Literatur eines abgelegen oder vergessenen Landes.

Zu diesem Zeitpunkt, gegen vier Uhr am Nachmittag, habe ich zwei oder drei Bücher, wirkliche Bücher, in der Hand gehalten. Eins der Bücher enthielt keinen Roman, keine Geschichte, keine Gedichte, Memoiren oder eine andere Art von Text, sondern es waren Postkarten, die zu einem Buch zusammengebunden waren. Sie waren zusammengebunden, denn nur als Buch funktioniert das Geschäft; nichts anderes ist im Blickpunkt der Besucher, die Variante des elektronischen Buches eingeschlossen. All das, was nicht als Buch daherkommt, ist nicht verkaufbar, es existiert hier nicht. Nur dadurch werden die Besucher, die potentiellen Käufer angezogen. So wie das Publikum angezogen wird durch die Persönlichkeiten, die sich hier präsentieren und feiern lassen. Das Publikum wird gefüttert mit den großen Namen, die Großschriftsteller, die durch die zeitgleiche Verleihung des Nobelpreises erzeugt werden. Ohje, dieses Jahr haben sie keine deutsche Ausgabe des Preisträgers präsent, es ist eine Katastrophe!

Das Buch als Ware, es wird hier gefeiert. Es ist in der Tat eine Ware und unterliegt den Gesetzen des Marktes, erbarmungslos.

Die Menschen an den Ständen sind nun, am dritten Tag, ein wenig müde; die Männer sind entweder sehr glatt rasiert oder sie haben die Bartstoppeln von ein, zwei Tagen im Gesicht. Die Gespräche sind intensiv, konzentriert und kurz. Erst am späteren Nachmittag, das Ende des Messetages vor Augen, wenn die Standfeste beginnen, wird die Stimmung ausgelassener. Es wird über persönliche Dinge geredet, auch wenn man sich nicht persönlich kennt, es wird gesprochen in verschiedenen Sprachen über die Erlebnisse und die Reisen der Kinder und über andere familiäre Angelegenheiten, die Erwartung für die Zukunft oder über die aktuelle politische Gegenwart.

Eine andere Welt ist die Welt der Kunstmessen. Die ART findet jedes Jahr im Juni in Basel statt. Dort gibt es keine Dienstleister für die Galerien und Museen, für die Archive, für die Bilder, ihre Formate, Provenienzen, Preise, Ausstellungen, Abbildungen in Katalogen! Es gibt nur (gute und schlechte) Kunst. Kunst an jeder Wand, in jeder Ecke, Kunst überall. Ja, auch die Besucher fühlen sich als Teil der Kunst – zumindest sind die Frauen attraktiver als auf der Buchmesse!

Das, was in Frankfurt das Buch ist, ist für die Kunstmesse das Bild oder der Bildentwurf. Und zugleich ist das Bild zu dem Objekt geworden, das gehandelt werden kann. Für das Buch sind es die Rechte am Inhalt, für das Bild ist es vor allem der Besitz und durch den Namen des Künstlers ist es dessen Glanz, der schließlich auf den Besitzer fallen soll.

Meine Künstler-Freunde wissen es, ich, ihnen nahestehend, spüre es, die Spannung zwischen dem Werk und der Macht des Marktes, die Übernahme der Kontrolle über das Werk durch den Handel; die Unterwerfung.

Dies gilt nicht so für das Buch, denn das Buch ist auf die Vervielfältigung, auf die produzierte Menge ausgelegt. Die Höhe der Auflage ist das Entscheidende, der Beweis für den Erfolg, für den Durchbruch. Das Bild hingegen ist vereinzelt, nur für sich und den Maler, den Hersteller, stehend.

So steht auf der Kunstmesse das vermarktbare einzelne Objekt, das Original, im Mittelpunkt, während auf der Buchmesse es der Titel ist, der textliche Inhalt, der in der Vervielfältigung sein Ziel hat. Doch alle anderen Mechanismen sind identisch. Das Modische, die Trends werden durch die Medien, jeden einzelnen Journalisten oder andere Teilnehmer dieses Theaters gesetzt, sie werden aufgebauscht und werden dann vergessen, wie die Kometen, kaum jemand sieht sie zu seinen Lebzeiten wieder.

Vor etlichen Jahren, – der Charakter der Buchmesse hat sich seither nicht im geringsten verändert – hat der Happening-Künstler Hans Imhoff eine Messekoje angemietet, um darin ein Bett aufzuschlagen. Während der Messetage hat er darin geschlafen, um zu manifestieren, wie totlangweilig die Messe ist.

Mit einer Bewegung der Augen jedoch, einer Bewegung des Kopfes, durch einen glücklichen Zufall geführt, stehst du vor einem Bild, das dich überwältigt. Oder du nimmst ein unscheinbares Buch in die Hand, und du verspürst ein Glück in dir, weil du dich selbst spürst, in deinem Leben, deinen Erinnerungen, deinen Träumen und Empfindungen. Es kann sein, daß du zu Tränen gerührt bist, so fühlst du, daß ein anderer, bisher verborgener Raum geöffnet wird, der zu dir gehört und immer schon zu dir gehört hat, nun weißt du es im Spiegel eines anderen Werks.

 

[1] Anja Gougleris, diplomierte Psychologin; lebt in Frankreich und Griechenland.  Verheiratet mit Gavril Gougleris, dem ich 2011 den Brief „Der Zorn des Achill“ geschrieben habe.

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