Aus der Stadt Péronne

1.3.2008

Lieber Hartmut!

Aus der Stadt Péronne hinausfahren, in Richtung Westen und nach wenigen Kilometern kommt man zu dem Weiler Cléry s. Somme. Dort haben wir in der Wohnung von Jeanne, der Lehrerin, Plakate gedruckt mit politischen Botschaften.
Das war ein mühseliges Unterfangen, denn zunächst mußte das Material für den Siebdruck in Paris besorgt werden,
und zwar ein mit Kunstseide bespannter Rahmen, Rakel, Farben, Papier – und was sonst noch dazu gehört. Das Material wurde anschließend in die Provinz geschafft – im Zug und im Bus mit dem sperrigen Paket. Was hätten wir geantwortet, wären wir nach dem Inhalt gefragt worden? Vielleicht wären wir Kunststudenten gewesen.
Siebdruck ist zunächst ein fotografisches Verfahren, denn die Zeichnung wird auf die gespannte Seide aufgebracht und durch Licht fixiert. Danach muß das Sieb im Dunkeln trocknen. Dazu haben wir einen Schrank mitten in das Zimmer gerückt und mit Decken abgedichtet. So stand der Koloß stundenlang. Jeannes Besucher durften nicht erfahren, was sich in diesem Kasten befand… auch auf das eindringlichste Fragen gaben wir keine vernünftige Antwort.
Wir hatten Angst, daß uns der Geheimdienst auf die Schliche kam, es waren etwas unruhige Zeiten; und sie waren uns auf den Fersen und wollten mich ausweisen lassen, wie ich später hörte.
Nachdem tausend Blatt gedruckt waren, wurde der Rahmen und die Beschriftung darauf ausgewaschen, damit  er erneut verwendet werden konnte. Auch das war wieder ein schwieriger, stundenlanger Prozeß.
Die Plakate mußten verteilt und aufgehängt werden, in der Stadt und in den Nachbarstädten, des nachts.

Dabei habe ich die Arbeiterpriester kennengelernt, die einen ‚normalen‘ Beruf ausübten, in der Fabrik arbeiteten und gleichzeitig Seelsorger waren. Rom hat das nicht sehr gefallen.

Haben wir etwas bewirkt?

Mehrfach taucht dies in meinen Texten auf, etwa in „Theräss“ *, oder als Freund Bolsky – „wir machen einen Fotoroman“ …

Es sind kleine Spuren, Kristallisationspunkte,  aus einer Realität, die nicht gefaßt werden kann, es sei denn durch winzige Überbleibsel, Erinnerungen, private Erinnerungen, ein durch eine Begebenheit ausgelöster Satz.

Warum schreibe ich dir das?

Weil du in dieser Stadt Péronne aufgetaucht bist als Schüler oder als Student. Wer kommt freiwillig in diese Stadt? Haben wir dir erzählt, was uns nächtens umtrieb? Mit Trinken und Essen waren wir beschäftigt, in den Kneipen und den Restaurants. Was kann man sonst tun in einer Stadt mit einer Burgruine, einem großen Platz und einer einzigen Verkehrsampel – außer Lesen, Manifeste schreiben, Diskutieren und Streiks organisieren?

Das ist lange her, doch du schreibst mir ganz genau auf, welche Erinnerungen du hast aus dieser Zeit, so präzise, wie aus einem damals verfaßten Rapport.

So haben wir eine Zeitschleife aus dieser Zeit, aus jener Zeit bis heute. Und es sind die Spuren in den Texten, die hervorgeholt werden können, andere Arten von Berichten. Dazu gehört nun dein Leben in Italien, mein Aufenthalt in Pisa und die Notizen dazu**  und das plötzliche Auftauchen von Pound.

E.

*Theräss. Briefe in deutscher Sprache geschrieben aus dem Europäischen Abendland.  Dudweiler 1982, S. 105.

** Pisa-Notizen (6.6.82 -16.6.82), Saarbrücken 1983, (2) 1996.

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Hartmut Retzlaff,  ehemaliger (?)  Sponti,  lebt seit mehr als 
25 Jahren  in Italien. 

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