Die Genügsamkeit

29.6.2012

Lieber Hartmut ! [1]

Die einzelnen Buchstaben, die Lettern, setzen wir, setzen sie zusammen, zu einem Wort. Setzt Wort zu Wort, Satz zu Satz.

Vielleicht sollte ich in der Langsamkeit schreiben, die von der Handschrift herrührt, von der Verzögerung der Bewegung, und der Entwicklung der Gedanken beim Schreiben – beim Gehen, beim Reisen.

Wir können dann die Seiten zusammenstellen; die Schriftarten bestimmen wir, die Kapitälchen, die Einschübe und das Zentrieren, dann folgt die Auswahl des Papiers, das Format,  das Buch zum Anfassen. Ja, wir wollen, daß unser Buch sich anfassen läßt, wir wollen, daß unser Buch sich umwenden und aufschlagen läßt, linke Seite, rechte Seite, bezeichnet R und V, Recto Verso, mit den alten lateinischen Kürzeln. Die Druckerfarben, ein sehr tiefes Schwarz, der Schwung und der Fluß der Zeilen, so entwickeln sich die Sätze und mit den Sätzen die Sehnsüchte in unserem Leben.

Wir fügen noch einige Illuminationen hinzu, Illuminationen, die mich an Rimbaud erinnern, Skizzen mit der Feder gezeichnet, vielleicht ein Foto. Wir machen wieder ein kleines Buch, das kaum jemand kennen, das kaum jemand lesen wird. Doch lesen werden es die Freunde, die Menschen, mit denen wir in Verbindung stehen, oder mit denen wir uns zusammentun; in einem kurzen oder einem etwas längeren Moment. Menschen, die ihre eigenen Notizen hinzufügen werden, die ihr eigenes Leben dem gegenüberstellen und es damit konfrontieren.

 

Die Genügsamkeit wird es sein, von der ich schreiben, worüber wir reden werden. Einst habe ich Hölderlins Armut untersucht: die Genügsamkeit, in der wir leben könnten, in der andere Dinge größer und wichtiger werden, ein Abendrot, der Blick auf das Meer, das Licht auf den Bergen gegenüber.

Die Genügsamkeit: dies nur brauche ich, ein kleines Buch, groß genug wie dieses, um die Gedanken zu tragen – die Gedanken kommen zurück, ein Nicken mit dem Kopf, ein Anruf, ein Erinnern.

Da ist die Vorstellung der Maler, die sich in die Dörfer und in die Vorstädte zurückgezogen haben. Sind es Münter und Kandinsky in dem bayerischen Dorf, die Zurückgezogenheit als Exil, freiwillig oder unfreiwillig. Ist es der Maler Martin Disler, in einem alten Bauernhaus, am Rande der Dorfstraße, es waren nur zwei Zimmer, er sagte mir: „ich lebe unter der Armutsgrenze“.

Ich kenne sie alle, die so gelebt haben, die so leben: wir brauchen nur unsere Bücher, unsere Bilder, unser Schriften, unsere Gespräche und die Zufälle, die uns zu ihnen führen.

Wir brauchen nur die Abgeschiedenheit, manchmal machen wir Ausflüge in die großen Städte, um dann zurückzukommen, um die Gedanken zu ordnen, um weiter zu schreiben, zu lesen, auch zu träumen von dem nächsten Aufbruch, von der nächsten Reise, von dem nächsten Tag.

***

Nun wissen wir – aus unseren Büchern – , wie viele Feinde König Chlodvig erschlagen haben mag, wissen, daß man an einer Harpune erkennen kann, wem ein gestrandeter Wal gehört. Wir haben eine Vorstellung davon, was Sprache ausmacht, und wie Menschen mit Robotern reden. Wir lesen von der Entwicklung der Dialekte und studieren die Zeichnungen der Maler und die Fotos der Fotografen. Vielleicht drucken wir einmal die arabischen Manuskripte aus Timbuktu.

E.

***

Lieber Erwin,

mein Freund,

das ehrt mich sehr,
ein schöner Brief,
eben aus unseren Herzen;
das Leben unter der Armutsgrenze
hat eine beste Qualität,
das erfahren wir auf unseren Reisen,
und in unserem tun.

Wir machen das Geröll von Gette,
versprochen,
es braucht nur Zeit,
aber was bedeutet das schon.

Auf die dreißigjährige Freundschaft,
und herzlichste Grüße an die Familie.

Dein

h’art moudi


[1] Hartmut Bremer, der Drucker meiner Bücher, Freund seit mehr als 30 Jahren. Lebt in Niedernjesa bei Göttingen und in Portugal.

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