Der Maler, die Farben

Platamonas, August 2004

Lieber Helmut!

Es ist genauso wie im letzten Jahr, das Meer, das Haus, der Olymp, die Besucher, das Reden und das übereinandergelegte Kreisen um die Familienangelegenheiten, das Erbe des Onkels, der im Winter gestorben ist, wer hat was für wen zu tun und will es nicht tun; die anderen Verwandten, die eingeladen werden in das Sommerhaus, die Witwe mit noch mehr Sorgenfalten, die Sterne funkeln über uns, und der Mond geht auf.

Ich sitze hier auf der Terrasse angesichts des Olymps und ich hole den Text über den Schreiber und den Maler wieder hervor, um ihn erneut abzuschreiben mit der Hand und ihn dabei unmerklich zu verändern. Kleine Korrekturen, die man aber dann nicht mehr sieht, nicht wie die Änderungen in den gemalten Bildern.

Hier in dem Sommerhaus geht es zu wie in einem Turgenjewschen Roman mit den russischen Großfamilien und allen Zwistigkeiten und Streitereien und dem Hin und Her, dem Kommen und Gehen.

Von dem einen Ende der Terrasse kann ich die Wolken und die untergehende Sonne über dem Olymp betrachten, während die Gespräche sich um die bevorstehende Olympiade oder um die Überwachung durch einen über Athen schwebenden Zeppelin drehen; natürlich auch ums Meer, die Wellen und den Wind.

Nachdenken über das Malen und Schreiben. Die anderen täglichen Beschäftigungen in den Ferien am Meer, Feuer im Ofen machen draußen im Garten, Holz schneiden, die Rosen wässern. Das Haus hat vier Küchen, vier Toiletten und Bäder, neun Zimmer, in denen geschlafen wird und vier Korridore. Gelebt wird auf der obersten Terrasse. Während meine Familie hier oben in einem Salon die Koffer aufgeschlagen hat, schlafe ich irgendwo unten, gleichsam in Distanz zu allem.

Die Ferien gehen zu Ende. Ich war gestern nach Athen hinuntergefahren, um den Mietwagen zurückzugeben und bin mit Metro, Taxi, Bus und Zug zurückgekommen ans Meer.

Die Arbeit weitertreiben, diese Handlungen, die getan werden müssen: die Bücher herstellen und verkaufen. Im Markt stehen und doch so weit wie möglich draußen bleiben. Tun, was einem beliebt und dann nach Jahren ein kleines Buch herausbringen, das Staunen hervorruft ob der langen Zeit, die zum Schreiben benötigt wurde. So der fünfte Band der Enzyklopädie.

Vielleicht kommen wir immer wieder auf die frühen Eindrücke zurück, die uns geprägt haben, von denen die große kleine Seele nicht mehr loslassen kann. Erst wenn wir dies so hinnehmen und als gegeben annehmen, erst dann wird daraus eine große Kraft entstehen, für all unseres späteres Tun und Sein.

E.

Der Maler benutzt die Farben

Helmut Federle.
"Er hat in den wichtigsten Galerien und Museen der Welt ausgestellt,
1977 als Vertreter der Schweiz an der Biennale in Venedig."
(Peter André Bloch). 
Zu seiner Malerei habe ich „Für Hel. M. Federle“ (1979), 
„Die Nacht der Trübsal“ (1988) und „Bad Work“ (1986) geschrieben.
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