Das Perlmutt-Messer

1.7.2009

Liebe Elisabeth!

Die Griechen sagen, man solle keine Messer verschenken. – Du hast mir dennoch ein Messer geschenkt, ein Perlmutt-Messer mit Silberfiligran, das Perlmutt schimmernd und irisierend, gut in der Hand liegend, nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer. Die Klinge war nur etwa 6 Zentimeter lang. Auf der Klinge hast du eingravieren lassen 1.1.1985 und meinen Namen. Wenn man die Klinge aufklappte, wurde sie durch einen Mechanismus arretiert, den man durch Druck auf eine Ausbuchtung am Griffende wieder lösen konnte.

Dieses Messer hat mich seither begleitet und diente zu vielfältigen Zwecken, etwas durchschneiden, Seile, oder Klebebänder oder Papier. Auch Brot und Wurst und Käse wurde damit geschnitten.

Nun hat ein Kantonalpolizist am Flughafen Zürich, bei der zweiten Kontrolle (nach der in Stuttgart) meine Tasche, in der das Messer verborgen war, öffnen lassen. Die Bestimmungen besagen angeblich, daß eine 6 cm lange Klinge durchgelassen würde, aber eine feststehende Klinge auf keinen Fall. Hätte ich einen Wohnsitz in der Schweiz, hätte das noch weitergehende Folgen, so aber würde sich die Kantonalspolizei mit einer Rüge begnügen.

Auch der Hinweis auf die Gravur, das Alter des Messers, die Tatsache, daß es mir von einer Schweizer Freundin geschenkt worden sei, half nichts. Auch die Bemerkung, daß dieses Messer bei einer ähnlichen Beanstandung in Athen dem Piloten oder der Besatzung des Flugzeugs mitgegegeben worden sei, änderte nichts an der Haltung des Polizisten. Ich könne aber gegen eine kleine Gebühr das Messer deponieren und von jemandem mit Schweizer Adresse abholen lassen. Ein Umschlag in roter Farbe mit dem Aufdruck „Dangerous Package“ wurde herbeigeholt zusammen mit einem Formular, dessen Gültigkeit jedoch fraglich war. Eine Kollegin des ersten Beamten wurde gefragt, ach, Frauen in Uniforn, ein schlimmes Omen für mich, der ich einmal wegen eines überzähligen Pakets am französischen Zoll von einer Beamtin vier Stunden aufgehalten worden war… doch diese Schweizer Polizistin war nicht besonders unangenehm. Doch auch sie, vielleicht eine Vorgesetzte des ersten, war sich nicht sicher ob der Gültigkeit des Formulars. Es war auch nicht schlüssig durch Befragen verschiedener weiterer Beamten herauszufinden, ob der Scan-Code für das Depot-Päckchen oben links oder oben rechts aufgeklebt werden sollte. Es wurde schließlich oben links aufgeklebt im Abstand von ca. 2 cm zum oberen Rand.

Schließlich wurde noch ein weiterer Vorgesetzter befragt, der auch gleich herbeikam und die Lösung wußte: deponieren könne man das Messer nicht, da ich ja keine Schweizer Adresse hätte. Hätte ich eine Schweizer Adresse, so müßte eventuell auch die Gendarmerie eingeschaltet werden, zwecks Festnahme. So aber müsse das Objekt eingezogen und vernichtet werden.

Die Wiederholung aller Hinweise auf die Eigenart des Messers, das Alter, die Widmung, die Größe, (die Klinge war nicht einmal so lang wie eine Hand breit ist), auch die Tatsache, daß die Stuttgarter Kontrolle nichts bemängelt hätte, blieb ohne Wirkung auf ihn.
Das erinnerte mich an eine andere Grenzpassage; es war der Rücktransport von Fotografien von Urs Lüthi. Wie du dich wohl erinnerst, hatte ich in meiner Wohnung unter dem Motto „Hier ist keine Galerie. Ich lebe nur hier und zeige Bilder“ Ausstellungen veranstaltet. Eine davon zeigte eben Fotos von Lüthi, die ihm in die Schweiz zurückgebracht werden mußten. Es waren ungefähr fünfzehn Fotos, die der Kontrolleur an der Grenze bei der Einreise auf dem Rücksitz des Autos sah. Ich mußte ihn durch mein Reden so verwirren, daß er nicht auf die Idee kommen konnte, es könnten Kunstobjekte sein, auch mußte vermieden werden, daß er darin etwas Pornographisches entdeckte, was ich bei einem Grenzbeamten als Möglichkeit annahm, zumal es sich um die Grenzstelle bei Basel handelte und sicherlich die Beamten als „Kunstentdecker“ ausgebildet waren. Zum Glück war das nicht der Fall (oder doch?) und er gab mir nach 20 Minuten die Passage frei…

Doch dieser Chef-Offizier am Flughafen, der das Perlmutt-Messer beurteilen sollte, war von einem anderen Format und er besaß ein einzigen Kriterium: die feststehende Klinge. Nur der persönliche Eindruck, den ich und meine Familie machten, würden ihn davon abhalten, weitere Maßnahmen gegen mich zu ergreifen. – Ich wußte, er würde sich nicht erweichen lassen und ich habe mich in das Schicksal gefügt.

Der Offizier bat mich zur Seite und führte mich zu einem Kasten aus Plexiglas, der für das Sammeln dieser gefährlichen Objekte, einschließlich Fingernagelscheren, vorgesehen war. Er gab mir mein aufgeklapptes Perlmutt-Messer, damit ich es selbst in diesen Kasten werfen könnte.
Ich habe es noch einmal in die Hand genommen, habe es zugeklappt und in den Kasten geworfen.

E.

Die Objekte, die uns gehören

Elisabeth Kaufmann, Galeristin in Zürich, stellte u.a.
Christian Boltanski, Martin Disler, Helmut Federle,
Annette Messager, Anselm Stalder aus.
Am 21. April 2010 ist Elisabeth Kaufmann gestorben.

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