Wenn du meine Quintessenz

16.2.2010

Lieber Jörg!

Wenn du meine Quintessenz lesen wirst, dann wirst du feststellen, daß ich in einer Sprache schreibe, die sich von der Sprache der heute diskutierten Texte wesentlich unterscheidet. Ich will mich nicht einmischen in die laufende Diskussion, vielmehr möchte ich die Gelegenheit unseres Gedankenaustausch per Telefon und E-Mail nutzen, um dir das Besondere an meinem Schreiben zu verdeutlichen; auch im Vergleich zu deinem Schreiben.

Nach dem experimentellen Text „Theräss, Briefe in deutscher Sprache geschrieben aus dem europäischen Abendland“, der buchstäblich mit dem Atmen geschrieben ist, also in dem Rhythmus des Ein- und Ausatmens, in dem Bewußtsein, daß Sprechen und Schreiben diametral einandergegenüberstehen (hier wäre Jacques Derrida als Theoretiker zu nennen), habe ich meine Enzyklopädie begonnen. Beschreibungen der täglichen Begebenheiten, der täglichen Ereignisse, der Verluste und Gewinne, aufgereiht an den Tagen meines eigenen Lebens – irgendwo sitzen und Menschen vorbeigehen sehen, kleine Biografien erfinden, als seien es meine eigenen in einer fremden Sprache, Reflexionen und Erinnerungen.
Das hat ungefähr dreißig Jahre gebraucht, bis diese Enzyklopädie, nämlich das Erfassen der Welt durch das Aufschreiben, beendet war oder beendet werden konnte, denn es geschieht nichts durch den freien Willen des Schreibenden allein, sondern durch die Sprache, in der sich der Schreiber befindet.

Nach dem Ende der Enzyklopädie habe ich eine Erleichterung verspürt und konnte wieder die Art meines Schreibens verändern. Ich habe die „Schreibübung“ geschrieben, was ein Brief an eine Tote ist, und ein Gedicht über das Glücklichsein, ähnlich dem Brief an M.D., dem gestorbenen Malerfreund Martin Disler.

Die Zusammenfassung all meines Lebens und Schreibens ist aber die Quintessenz, die die Enzyklopädie durch einen erneuten Schreibprozeß schickt und dadurch eine Konzentration erzeugt und auch eine weitere gesteigerte Abstraktion. Die autobiografischen Details, aufscheinend als Datums- und Ortsangaben und Widmungen, lösen sich auf und sind nicht mehr fixierbar.

Das Eigentliche der Quintessenz ist der Umgang mit der Sprache und ihre Nutzung. Die grundlegende Frage: Ist es meine Sprache?

Der geschriebene Text und das worüber er berichtet, wird so von den faßbaren Einzelheiten, aus denen eine selbständige Geschichte (ein Roman…) entstehen könnte, befreit. Der Text ist in einem abstrakten Raum, so daß derjenige, der ihn lesen wird, sich wie von selbst hineinfügen kann, mit seinem ganzen eigenen Leben und allen Sinnen.

Die Abstraktheit wandelt sich beim Leser in dessen eigene Wirklichkeit, dem eigenen Atmen folgend – so wird es mir beschrieben von denen, die die Quintessenz gelesen haben.

Es gibt nur das Abenteuer des Schreibens, der Auseinandersetzung mit den daherkommenden Wörtern und Sätzen. Woher kommen sie, woher kommen sie mir; wie fügt sich Wort zu Wort?

Es fügt sich Wort zu Wort, weil sie zusammengehören, weil sie sich an der Hand nehmen und mich führen.

E.

Jörg Janzer, lebt in Berlin, schrieb das Romanoid „Fleischesfleisch“ , das 1985 im AQ-Verlag veröffentlicht wurde.

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