Federles Ferner Paintings

Wir sehen, und sehen nicht. Wir hören, und hören nicht; wir lesen und verstehen nicht.

Die Maler haben ihre Farben, für ihre Bilder. Ich habe darüber geschrieben; die Maler haben ihre Farben und die Schreiber nur das Schwarz und Weiß.

In den Ferner Paintings verschwindet die Farbe, nach und nach, ein derartiger Prozess braucht Zeit, und er braucht seinen Raum.

Hat jemand Federle gefragt, weshalb sie so heißen? Weshalb ein seltsam anmutendes deutsches Wort vor ein englisches Wort gestellt ist?  – Ein seltsam anmutendes Wort, schon die Steigerung des Adjektivs, (eines Beiwortes), mit der Bedeutung einer Entfernung, und zugleich mit der Bedeutung eines Gletschers – vielleicht ist es ein Eigenname, oder die Bezeichnung einer großen, sich vergrößernden Distanz, weil sie nicht aufgehalten werden kann, oder ihr irgendwann doch Einhalt geboten wird, nämlich durch das sogleich folgende fremde Wort: Paintings.

Warum steht da nicht „Gemälde“, oder einfach „Bilder“? Sind es denn keine Bilder, sind es keine Gemälde mehr, sondern das nur entfernt Wahrnehmbare, das noch das Fließen bezeichnet, das Tun, das Getan-Werden, wobei das mögliche deutsche Wort den Endzustand, das Objekt, das Fertige benennt?

Vorangesetzt ist der englische Artikel, so dass der eigentliche Name eingeschlossen ist – The – Ferner – Paintings. Der Artikel bestimmt den Gegenstand: macht ihn zu einer Gattungsbezeichnung. Es gibt nur diese Ferner Paintings, und keine anderen, es ist eine Reihe, die abgeschlossen ist und ganz für sich steht.

Ferner Paintings.

fernerpainting_o

Ferner Painting O
Courtesy Peter Blum Gallery, New York
(Photo: Markus Wörgötter)

Das ist (fast) keine Farbe mehr – doch der Maler ist auf die Farben angewiesen. Kann der Maler ohne Farben sein?

Die Farbe, der Rest von Farbe ist eine Verfärbung aus Öl, das auf der Leinwand aufgetragen ist und sich in die Leinwand eingesaugt hat, ausgeflossen ist, als seien es farbenlose Wasserfarben.

Jedes einzelne Bild der Ferner Paintings trägt einen Buchstaben als Titel, oder ist es einfach nur die Identifizierung in der Reihenfolge? Doch warum sind sie nicht durchnummeriert, von eins bis siebzehn?

Nummern bezeichnen ausschließlich die Reihenfolge. die unendlich sein kann, denn es gibt unendlich viele Zahlen. Diese Reihe jedoch bedient sich unseres Alphabets für die Zählung und bezieht sie sich auf eine abgeschlossene Reihe und mehr noch, sie bezieht sich auf Schrift und Sprache.

Der Gegensatz zwischen einer Zahlenreihe und der Buchstabenreihe besteht darin, dass die Zahlen einen gleichmäßigen Rhythmus suggerieren, die Buchstaben hingegen besitzen eine andere zeitliche Reihung, jeder Buchstabe kann ein Verweilen bewirken, eine Verlangsamung und ein Innehalten: A – B – C – D …

Federle, der so oft seine Initialen in seine Bilder aufgenommen hat und nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als zentrales, konstituierendes, manchmal sogar als einzelnes Element, weiß um die Wechselwirkung von Bildinhalt und Bildtitel.

Wie aber kann der Bildinhalt der Ferner Paintings beschrieben, mitgeteilt werden? – es sind Kreise in einer kleinen Bildfläche, die Kreise sind perfekt in ihrer Rundung, manchmal sind es zwei oder mehrere umeinander liegende Kreise, in gleichmäßiger Breite, stets in der Mitte platziert, hie und da eine Verdichtung, vielleicht ein Fleck, eine winzige Unregelmäßigkeit.

Redet man von Farbe, so handelt es sich in Wahrheit um eine Farbabstufung, nicht um Farbigkeit – die perfekte Form des Kreises gründet sich auf einer gerade sichtbaren Abstufung, schwache Übergänge von einem helleren zu einem dunkleren Schatten auf der oder in der Leinwand.

Die Reduktion des Bildes ist synchron zu den Bildtiteln, ganz so, wie das Alphabet abgeschritten wird in einer Aufzählung, so wandelt das Auge von einem Kreis zu dem Kreis auf dem nächsten Bild, in Ruhe und Gelassenheit – es gibt keine Aufgeregtheit; eine gedankliche Bewegung jedoch setzt ein, die Überlegung, wie diese Kreise gemalt worden sind, woher die Ruhe stammt, was sie auslösen kann.

Während die Maler, auf die Federle oft Bezug nimmt, das Bild als Quadrat oder Rechteck gemalt haben, nutzt er die perfekte Form des Kreises und sonst nichts.

Sonst nichts? Ähnlich wie bei vielen seiner titellosen Bilder – „o. T.“ – fügt er den Titeln kurze Erweiterungen hinzu. Hier ist es einmal eine Widmung,  sonst sind es kleine Hinweise:

C – (Das Schaf) (Traces of Innocence)

D – (For Robert Frost)

E – (St. Margrethen /Korea)

F – (Mizuage)

H – (Heimat)

J – (Der Knochen)

O – (The Child of my Time).

Zu der Spannung zwischen dem Buchstaben als Titel und dem Kreis als Bildinhalt entsteht eine zusätzliche Spannung zwischen dem Buchstaben und der Erweiterung des Titels. So gibt es bei C, also gleich zu Beginn der Serie, das deutsche  „Das Schaf“, gefolgt von dem englischen „Traces of Innocence“.  Der Wechsel der Sprache, schon im Gesamttitel der Serie präsent, setzt sich in auffälliger Weise fort.

Bild E hat die Erweiterung „St. Margrethen/Korea“. St. Margrethen ist der Ort in der Ostschweiz, in dem Federle seine Kindheit und Jugendjahre verbracht hat. „Korea“ wurde, wie er mir einmal berichtete, die Siedlung genannt, in der er und seine Familie lebten.

Auch die anderen Titelerweiterungen evozieren persönliche Erinnerungen oder sind Assoziationen zu seinem persönlichen Leben – von „Mizuage“ mit dem Bezug zu einer japanischen Zeremonie, der „Heimat“, dem „Knochen“, bis zum letzten „The Child of my Time“.

„The Child of my Time“ bringt eine Distanz mit sich durch den einführenden  Artikel und nimmt sogleich eine persönliche Verbindung auf  durch das besitzanzeigende „mein“.

Die Reihe der Ferner Paintings wird zu einer Abhandlung über das Malen. Die einzelnen Bilder sind Stationen, in denen biographische Begebenheiten aufscheinen, zu denen wir, die Betrachter, mit unserem Leben und unserer Erfahrung einen Dialog beginnen können.

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