Erinnerung an den Maler Martin Disler

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Einen neuen Brief müßte ich ihm schreiben, dem Maler Martin Disler. Damals, vor vielen Jahren, hat er mich besucht in meiner Stadt, um sein Buch „Bilder vom Maler“ zum Druck vorzubereiten. Ich hatte ihn kennengelernt, irgendwie, irgendwo in der Schweiz, in Basel vielleicht auf der Kunstmesse, oder in Dulliken, wo er damals wohnte; über andere Freunde, vielleicht über Urs Lüthi, bin ich auf ihn gestoßen. Er hatte gerade seine ersten Ausstellungen hinter sich, in Solothurn, in Olten und vielleicht bei Stähli in Luzern. Er hatte zusammen mit den Freunden Theo Kneubühler und Rolf Winnewisser  das Buch „AMAZONAS“ geschrieben.

Damals war der „Amazonas“ schon vergriffen, er schenkte mir ein letztes Exemplar und ich wollte es neu verlegen. Doch Martin sagte mir: „Ich werde dir ein neues Buch schreiben!“

Und er hat ein neues Buch geschrieben, für mich, denn ich habe gespürt, daß er ein Schriftsteller war. Er hat also das Buch geschrieben während einer Fahrt auf dem Schiff des Genfer Galeristen Eric Franck. Er fuhr mit Freunden auf den Flüssen in Frankreich umher, vielleicht waren sie auf der Rhône? Es gibt ein Foto von dieser Reise – später hieß es, er hätte die meiste Zeit damit verbracht, an seinem Buch zu schreiben.

Er hat mir seinen Text als Typoskript mit der Post geschickt; es gab noch nicht die elektronischen Medien der Datenübertragung. Wir hatten ein Treffen verabredet, um die Einzelheiten für das Buch zu besprechen. Ich holte ihn am Bahnhof ab und unsere Gespräche begannen. Wir sind zu der Setzerei gefahren, die den Text neu erfassen und auf ein Spezialpapier ausdrucken sollte. Dieser Ausdruck diente der Druckerei als Vorlage für den Offset. Wir haben das Format, die Schrifttype, die Schriftgröße und das Seitenformat bestimmt. Während der Setzer eine Probeseite herstellte, sind wir zum Gasthaus Woll auf den Spicherer Höhen nach Frankreich gefahren, um unser Gespräch fortzusetzen. Dort habe ich ihn davon überzeugt, das Stadion-Kapitel, das das 20. Bild gewesen ist, als Klappentext an den Anfang des Buches in den Umschlag zu setzen.

Am Abend, nachdem wir die Probeseite beim Setzer abgeholt hatten, sind wir in die Altstadt gezogen, in das Gasthaus Gemmel, das damals mein Lieblingslokal gewesen ist. Wir saßen an dem Tisch, der gleich vorne parallel zum Tresen stand, rechts und links, dicht gedrängt, andere Leute, die laut miteinander redeten. Dieses Gasthaus war eingerichtet wie ein französisches Bistrot, die Küche war einfach, die Stimmung ausgezeichnet und wir konnten unser Gespräch beflügelt durch den Wein fortsetzen. Lachend sagte er: „Laß uns ein Dutzend Austern-Möslein essen!“

 

Martin hat das Cover zu seinem Buch gezeichnet, es zeigt einen jungen Mann, eigentlich noch ein Jüngling, der in Hüfthöhe einen Griffel in seiner Hand hält. Der Griffel zeigt auf eine seitlich stehende Staffelei mit einer Leinwand mit einer Landschaft, vor der, wie eine Wolke, eine Vagina schwebt.

Diese Zeichnung hat er mir geschenkt, sie hängt in meiner Küche und ist eine ständige Erinnerung.

Das Buch wurde gedruckt in Augsburg beim Maro-Verlag, der in der deutschen Underground-Szene bekannt war, denn dort waren die Bücher von Charles Bukowski und das Buch “ Trip Generation“ von Tiny Stricker erschienen. Auf einer großen Party in der Roten Fabrik, in der Martin damals sein Atelier hatte, wollte er aus dem neuen Buch lesen, gleichzeitig sollte eine Striptease-Tänzerin den Rhythmus des Textes auf der Bühne begleiten.

Das Buch wurde aber erst genau an diesem Tag fertig, und so bin ich nach Augsburg gefahren, habe ein Paket mit den ersten Exemplaren am Bahnhof in Empfang genommen und fuhr von dort mit dem nächsten Fernzug nach Zürich.

In der Menge der Besucher, die schon versammelt waren, konnte ich ihm ein Exemplar seines Buches in die Hand drücken und daraus las er vor, neben sich die Tänzerin.

Nach und nach haben wir drei Auflagen verkauft, die letzte erschien 1991. Die Nachfrage nahm langsam ab und zu dem Zeitpunkt seines Todes war die letzte Auflage vergriffen – doch niemand fragte mehr nach dem Buch. Das verwundert mich, ist er denn vergessen, als Maler und als Schriftsteller?

 

Nun ist die „Versuchung des Malers“ in Zürich erschienen. Martin hat lange an diesem Buch geschrieben, vielleicht ist er nicht fertig damit geworden, zumindest deuten bestimmte Eigenschaften des Textes darauf hin, etwa daß mehrmals und unbegründet die Erzählperspektive der Erzählerin wechselt, denn sie spricht den Maler direkt mit dem „Du“ an, während sie sonst von „Ihm“ spricht.

Das erste Buch, die „Bilder“, kreisen um die erste große Ausstellung. Die Stationen sind die Vorbereitungen, die Vernissage und die anschließende Flucht aus Venedig, wo er seine Freundin zurückläßt, um zu sich selbst zu kommen.

In den „Bildern“ wird von der großen Auseinandersetzung berichtet zwischen dem Maler und der Leinwand. Die Leinwand ist nicht mehr ein Rechteck von überschaubarer Dimension, sondern sie ist riesengroß, so daß der Freund des Malers über ihn spottet, er möge die Bergwacht mit ihrem Helikopter bestellen.

Die Leinwand, oder das Stück Zeichenpapier, sind die Herausforderungen des Malers. In dem fiktiven Interview mit Luca Barca sagt er „Je mehr Leute etwas von mir wollen, desto tiefer muß ich in mich hinein und in die anderen hinein. Jetzt wird es interessant und anforderungsreich.“ (S.52)

Im zweiten Buch, der „Versuchung“, ist der Maler schon berühmt und läßt sich auf einen Vertrag ein, um ein Schloß in der Karibik für eine Mäzenin auszumalen. Es ist der Vertrag, den auch Faust abgeschlossen hat. Der Maler fürchtet, seine Seele verkauft zu haben. Die von Faust gewonnene Erkenntnis sind beim Maler die Bilder, die er in dem Schloß malen muß.

Diese Geschichte wird ausschließlich von der Freundin des Malers berichtet, eigentlich seinem Alter Ego, ähnlich in den „Bildern“, denn sie führt Buch über den Maler und malt selbst heimlich eine Ikone – also das Bild, das der Öffentlichkeit vorenthalten wird.

Dennoch genießen der Maler und seine Freundin jeden erdenklichen Luxus, die ihnen aus dem Vertrag erwächst – ihnen stehen Wohnungen und Ateliers in den Hauptstädten der Welt zur Verfügung, ihnen werden die Wünsche erfüllt, die sie äußern. Doch immer wieder fliehen sie aus dieser Welt und wollen sich der Aufsicht und der Kontrolle durch ihre Leibwächter entziehen. Eins der Ziele sind seine Schweizer Berge, der Wald, die Heimat – ähnlich wie er in den „Bildern“ von Venedig aus zu Fuß nach Mailand und vielleicht nach Zürich wandert. Ein anderes Ziel ist Amsterdam, wo beide in eine ehemalige Kirche gehen, „Paradiso“ genannt. Auf dem Dach ein beleuchtetes Neonkreuz, das hin- und herschwankt und wo er ein Stück afghanischen Haschisch kauft (S. 98).

Ich selbst war seinerzeit mit Martin Disler dort, vielleicht haben wir nur den Leuten zugesehen.

Schließlich gelingt ihnen die Flucht, doch es ist eine erdachte Flucht, ein Traum, von denen es mehrere Alternativen gibt: – das Schloß explodiert, als sie mit dem Flugzeug starten. Oder sie fliehen in den Dschungel. Oder sie kehren zu dem Schloß zurück, um die Bilder noch einmal zu betrachten. Der Maler sagt seiner Freundin: „wir können das Bild nicht verlassen, wir müssen in ihm bleiben.“ (S. 164). – Und dann, so scheint es, sind sie „einfach weg„.

 

Die „Bilder vom Maler“ und die „Versuchung des Malers“ sind die beiden Flügel eines Altares, in deren Mitte der Maler steht als Mensch und Künstler. Hin- und hergerissen von seinem Bilder- und Mal-Drang und den Forderungen, die die Kunstwelt, der Markt letzten Endes, an ihn stellt. Immer sind es die Reisen als Fluchten, in die er sich rettet, um irgendwo in Unschuld wieder aufzutauchen und weiter die Bilder aus sich herauszulassen. Mit dem ganzen Körper, mit seinem Leben.

 

Der Maler sagte: „Malen ist doch auch denken. Malen ist meine Art zu denken. Die Wörter engen mich ein.“ (Bilder vom Maler, S. 87).

 

 

4.10.2014

—-

[1] Dieser Text ist Ingrid v. Osterhausen gewidmet, denn mit ihrer Begeisterung für Martin Disler hat sie ihren Bruder, den Künstler und Goldschmied Bernd Sauerborn angesteckt (an ihn habe ich den Brief „Der Bistrotfotograf“ geschrieben, in dieser Serie). Sie beschäftigt sich mit Fair Trade und engagiert sich für die Menschen in Nicaragua (Diriamba).

 

Martin Disler (1949-1996), war ein Schweizer Maler. Bekannt wurde er durch seine Ausstellung ‚Invasion durch eine falsche Sprache‘ in der Kunsthalle Basel (1980).

In meinem AQ-Verlag ist sein Buch „Bilder vom Maler“ in drei Auflagen erschienen (1980,1985,1991; der Vertrag für eine neue Auflage im AQ-Verlag kam nicht zustande). Weiterhin sind zusammen mit der Galerie Elisabeth Kaufmann (Zürich) zwei Mini-Romane erschienen: Delphi / Rosy (1984).

1999 habe ich den Text „Für M.D. [Martin Disler]“ veröffentlicht, ein Brief an den gestorbenen Martin Disler.

„Die Versuchung des Malers“ ist bei Pearlbooksedition in Zürich erschienen.

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Eine Antwort to “Erinnerung an den Maler Martin Disler”

  1. stegentritt Says:

    Bernd Sauerborn schreibt mir dazu (und bittet dies als Kommentar einzutragen):

    hallo erwin !

    vielen dank für deinen text „neue briefe ….. „, den ich sogar bei tag gelesen habe. ich lese diese briefe immer wieder gerne. da wird ingrid sich aber freuen, dass du sie in deiner fussnote erwähnt hast. ich habe mich bereits gefreut, nämlich ,als ich die „versuchung … “ gestern zu ende gelesen hatte ( bei nacht ). ich war sehr beeindruckt und auch erschüttert über die ungeheure intensität der worte und den kraftakt der beschreibung, der so sehr an dislers malstil erinnert. da war ja alles drin, von kafka bis faust. ich frage mich, ob da nicht schon sehr stark eine vorahnung seines frühen todes zu tage tritt. obwohl das ja auch bei seinen früheren werken der fall war. sicher kennst du den text von franz müller zu dislers, bereits von mir erwähnten, ausstellung „die umgebung der liebe “ in stuttgart 1981. auch da ist die rede von einer „todesecke“, so wie in der „versuchung“ von einem „killerbild“. übrigens, das „paradiso“ in amsterdam kannte ich auch von einem kurzbesuch bei einer damaligen holländischen (oder besser, indonesischen) jugendliebe. ich glaube diese kirche existiert heute noch als club. schön in deinem brief auch, die erinnerung an „woll “ und „gemmel“. ich muss doch mal wieder einen trip nach saarbrücken einlegen.
    (…)
    ich wünsche euch einen schönen sonntag.

    liebe grüsse — bernd —


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