Die Objekte, die uns gehören

August 2009, irgendwo

Ein glattgeschliffener Stein, irgendwann am Strand gefunden und in der Hand gehalten, geprüft. Das Perlmutt-Messer. Eine Schallplatte, zu einer bestimmten Stunde gehört, immer wieder gehört. Ein altes, vor Jahren geschenktes Hemd, eine Jacke in einem bestimmten Geschäft gekauft. Ein Bild, eine Ikone vom Berg Athos oder ein billiges Weinglas, das zerbrochen ist.

Diese Dinge erhalten wir, sie kommen zu uns irgendwie, zu uns gehören sie und sie gehören uns. Als Zeichen zeigen sie ihr Äußeres und stehen für all die Einzelheiten, die sich mit ihnen verbinden. Ort und Zeit, Menschen und Empfindungen, ein Glück, oder ein Schmerz, oder ein Auflachen, ein Zeichen mit der Hand, eine einzige Geste.

Dinge, doch in sich Zeichen für anderes, für das Nicht-Gezeigte, für das Private. Nur du kennst es, nur du erzählst es dir, heimlich oder laut. Amulett, Abbild vom Abbild, das kleine Foto, das du mit dir herumtragen kannst in jeder Tasche, in jedes Buch eingelegt oder auf dem Bücherbord aufgestellt.

Ein Blick genügt, um all das auferstehen zu lassen, was sie umfassen. Der Geruch an einem alten Brief, in seinem Umschlag aufbewahrt. Die Gedanken berühren die Dinge, die uns gehören. Die Gedanken wandern umher, zurück in eine Vergangenheit, aus der diese Gegenstände gekommen sind, in diese Zeit, die seither vorbeigegangen ist. Erinnerst dich daran beim Anfassen, wenn die Fingerspitzen sie berühren; wenn ihr Geschmack wiederaufersteht. Wenn die Farbe eines Gegenstandes erscheint, und tatsächlich wird.

Vergangenes, Gegenwärtiges, Bestehendes.

Jedes Zeichen hat diese andere Seite, die dasjenige ist, was es eigentlich zeigen will. Unmittelbar, so scheint es uns, wird dieses Andere sichtbar, während bereits das Äußere verschwindet.

So brauchen wir die Dinge nicht, die uns gehören, wir brauchen ihre Erinnerung, ihre einmal wirkliche, vergangene Gegenwart, um uns trösten zu können über ihren Verlust.

Die Objekte, die uns gehören, die Objekte, die uns einst gehörten, Überbleibsel so vieler Leben, unserer Leben.

Christian Boltanski hat die Hinterlassenschaft eines Menschen mit Etiketten versehen und deren Namen darauf geschrieben: ein Messer, eine Gabel, mehrere Knöpfe, ein Knäuel Garn, ein Wohnzimmerschrank und die Schubladen, ein Eßtisch und vier Stühle. Er hat diese Gegenstände ausgestellt, zur Schau gestellt. Das Beliebige, das Zufällige dieser Überbleibsel ist in einem endgültigen Zustand erstarrt. Das Beliebige der Objekte, die uns einmal gehörten, wird zu dem einen bestimmten Gegenstand aus unserem Leben, unverrückbar und ein für alle Mal definiert und festgesetzt. Das durch uns festgelegte Leben.

Die alte Frage, was bleibt von einem Menschen, was bleibt von einem Leben?

Das Schreiben erzeugt sogleich seine Vergangenheit, noch während die Tinte trocknet. Ein dünner Strich, schwarz auf weiß.

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