Anmerkungen zu Paul-Armand Gette

2.7.2015

Paul-Armand Gette (PAG) hat mit Lettern und Untersuchungen zur Fauna und Flora an den Ufern der Rhône angefangen. Das war kurz nach dem 2. Weltkrieg , als es in Frankreich zu einem Aufbruch in der Kunst gekommen ist mit Bewegungen wie dem Lettrismus, der École de Nice, dem Tachismus und vielen anderen. In diesem Umfeld verschaffte er sich einen Platz und zog die Aufmerksamkeit auf sich, mit Statements, Publikationen und Ausstellungen, beginnend mit dem Jahr 1957 (erste Gruppenausstellung in Nizza).

PAG bezieht mit Vergnügen alltägliche und allgegenwärtige Gegenstände in seine Betrachtungen ein. Er benutzt dazu die klassischen Medien der Zeichnung und der Malerei, aber vor allem Fotografie, Video, Radio-Lesung, Happening – wobei auch ungewöhnliche Örtlichkeiten zur Präsentation gewählt werden, wie etwa die Toiletten des Museums des Centre Pompidou in Paris.

Während der Vorbereitung zu dem Kunstheft AQ 13 (1973) habe ich ihn und seine Arbeiten kennen und schätzen gelernt, und seither sind wir befreundet.

In jenem Kunstheft zeigte er s/w-Fotografien im Zusammenhang mit seinen entomologischen und botanischen Untersuchungen, zusammen mit der Liste der aufgefundenen Käfern und Pflanzen. Daran kann man das Prinzip seiner Arbeitsweise beschreiben: das Unauffällige, das Banale wird bei ihm zur Kunst. Das bedeutet, durch das Zeigen des Allgegenwärtigen in dem Kontext der Galerie oder des Museums wird es mit dem Attribut der Kunst ausgestattet.

Dies treibt Paul-Armand Gette bis ins Extrem, etwa wenn er das Zirpen der Grillen in der Pariser Metro zu Gehör bringt, oder wenn er das Linné’sche System der Pflanzen – wie ein Gedicht – vorliest, und zwar in einem Vortragssaal der Sorbonne.

Die Auflistung wissenschaftlicher Begriffe und Werte, gesammelt auf seinen Reisen durch Europa wird zu den Reisenotizen, die darin bestehen, daß die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit an einer eher unattraktiven Stelle in einer Stadt verzeichnet werden, eventuell ergänzt durch die Namen der dort angetroffenen Pflanzen und durch eine Fotografie der Lokalität.

Über eine lange Zeit beschäftigt er sich mit den Kieselsteinen von Flüssen und Meeren, um sie zu vermessen und zu kategorisieren. So habe ich ihm eines Tages Kieselsteine der beiden Quellflüsse der Saar geliefert, und daraus ist der „Vergleich von Geröll der Weißen und Roten Saar“ (1977, erweitert 2013) entstanden.
Die Steine, insbesondere diejenigen vulkanischen Ursprungs, finden sein besonderes Interesse und in seinen Sammlungen finden sich immer wieder Referenzen auf dieses Gestein – als Exemplar in einer Ausstellung auf einen Sockel platziert, als Fotografie, Zeichnung oder in einer anderen Reproduktion. Nah verwandt damit ist die Beschäftigung mit der Farbe – was an Yves Klein erinnert – den mit der blauen Farbe. PAG nutzt die Farbe nicht nur als Pigment, sondern vielmehr als Konzept der zu Staub gewordenen Malerei und der Vergänglichkeit des Materials. Der Farbstoff aus gemahlenem Gestein, aus gesiebter Erde, oder aus dem Blütenstaub der Blumen – oder aus den Blättern der Blüten, von Blüten, die mit den Assoziationen aus unserer Kulturgeschichte beladen und aufgeladen sind. Das ist ein großes Spiel, das uns immer wieder zu dem Hinweisen auf etwas führt (und welches das Verdecken einbezieht), dem Zeigen, dem Zeigen mit dem Finger.

Dieses Zeigen mit dem Finger, dem (fast) Berühren des Objektes ist in der Einladung zu der Ausstellung „Des Calcinations au Jaune de Naple“ (Von den Versteinerungen zum Neapel-Gelb; Galerie Jean Brolly, Paris 2013) Grundlage des Spiels mit den Ebenen: ein Abdruck eines Stoffteils – vielleicht eines Höschens – erinnert an die lettristischen Arbeiten mit Abdrucken von Buchstaben. Die Hand (des Künstlers) hält eine Tube über dieses Bild, es ist eine Tube mit Neapel-Gelb, so als sollte der Druck koloriert werden.

Dies ist auf der gedruckten Fotografie zu sehen – für eine Sonderedition ist das Neapel-Gelb tatsächlich auf die s/w Fotografie an der Öffnung der Farbetube aufgebracht.

PAG_Einladung 2013

Auch hier ist es ein Spiel mit Verweisen, so wie sich Alice im Wunderland von Spiegel zu Spiegel bewegt. Paul-Armand Gette sagt uns durch seine Kunst: „ich zeige dir dieses Bild, schau nur hin, es ist nur für dich gemacht!“

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