Dritter Brief an einen Toten

Dritter Brief an einen Toten1

23.7.2012

Lieber B. M.2,

hier schreibe ich dir, weil ich in der Wikipedia einen Artikel über dich, also deinen Artikel gefunden habe und ich lesen mußte, daß du vor einigen Jahren gestorben bist. Das hat mich seither umgetrieben; ich habe mich gefragt, wie hast du gelebt, all die Jahre, seitdem wir keinen Kontakt mehr hatten, seitdem wir keine Nachrichten mehr ausgetauscht haben. Vielleicht bist du zu müde gewesen, um auf einen meiner letzten Briefe zu antworten, vielleicht war ich es, der zu müde gewesen ist?

Durch einen weiteren Zufall bin ich auf das Interview gestoßen, das Karl Kollmann in einer Internet-Zeitung gegeben hatte und in dem er von seinem bald erscheinenden (inzwischen erschienen) Buch „ausgeschrieben“ gesprochen hat und davon, daß er von dir schreiben würde. Ich habe das Buch sogleich bei Benno Käsmayr bestellt, bei dem ich einige der von mir verlegten Bücher drucken ließ, auch die drei Ausgaben von Martin Dislers Buch „Bilder vom Maler“, auch mein Buch „Theräß“.

Karl Kollmanns Buch ist ein Bericht über die Zeit, die vergangen ist seit der Publikation eures Dialogs „Briefe über die Sprache“ von 1977 oder 1978.

Mit Schrecken habe ich erfahren, wie du gelebt und gearbeitet und wie du gestorben bist.

Ich lese wieder in euren „Briefen“, die ich schon bei Erscheinen gelesen habe, und es schmerzt zu spüren, in welcher Art und Weise du an der Welt gelitten hast, und an der Sprache. Während Kollmann die Beziehung von Sprache und Denken, das Paradox von Sprache und Kritik der Sprache in dieser Sprache deutlicher zu fühlen scheint, ist dein Denken ganz und gar der Negation, – du sprichst von Transgression – , der Sprache gewidmet, in ihr unlösbar gefangen.

Du erscheinst mir in deinem Schreiben wie die Spinne und ihr Spinnennetz und gleichzeitig auch die Beute, die gefressen wird.

Einmal habe ich dich besucht, in deinem Kassel, während einer meiner herbstlichen „Deutschlandtourneen“. Vielleicht habe ich sogar bei dir gewohnt; jedenfalls haben wir einen nächtlichen Streifzug durch einige der Kneipen gemacht, in denen du verkehrt bist. Den ganzen Abend und während der Nacht bis zum frühen Morgen ist es dir nicht gelungen, von deiner negativen Kritik an den Dingen loszukommen, auch nicht in der Gegenwart von hübschen Studentinnen und Freundinnen. Noch warst du bei dem A deines Alphabets, wie es Kollmann gesehen hat, bei A wie Artaud.

Es ist dir nicht gelungen, die Sinnlichkeit zu verspüren, du hast die Welt gesehen und analysiert durch die Augen, den Körper von Artaud und Bataille, schließlich von Cioran. Es war, als würde sich zwischen dich und deiner Welt eine Folie legen, die da etwa hieß „Das Theater der Grausamkeit“, und vor allem war es die Idee, daß jede wahre Sprache unverständlich sei.

Der Zugang zu dem Sinnlichen war dir verwehrt, grundsätzlich und allumfassend, total. Die Beschreibung von Kollmann, daß du keine Meeresfrüchte auf einer Reise in die Bretagne essen wolltest und lieber Fast Food gegessen hast, also das künstliche industriell hergestellte Essen dem Ursprünglichen vorgezogen hast, spricht für sich. Hast du in den „Briefen“ nicht gefragt, weshalb es fünf Sinne sind, die wir haben?

Verbunden sind wir beide gewesen in unserer Suche nach einer anderen Sprache. Während ich weiter schreibe, in einem großen Vertrauen in unsere Sprache, in unsere verschiedenen Sprachen, bist du in der Kritik der Sprache, im Mißtrauen gegenüber der Sprache hängen geblieben, in jenem Netz, das du aber – wie wir alle – verwenden mußt. Keine Chance,  es anders zu tun; seltsam paradox (von heute aus gesehen) die Diskussion über die Möglichkeiten, deine Texte zu veröffentlichen. Die Texte an welche Öffentlichkeit geben?

Dein Bemühen, einen meiner Texte von deinem Verleger herausbringen zu lassen, blieb erfolglos, doch deine Wertschätzung war mir eine wichtige Bestätigung („der nächste ‚kuckuck‘ wird substantielleres enthalten: stegentritt, pélieu, ploog und unsere beiträge“. Briefe über die Sprache, S. 112).

Du, der die Gesellschaft, in der wir leben, radikal in Frage gestellt, ja verneint hast, du warst schließlich auf die Hilfen dieser Gesellschaft angewiesen, auch auf das Gesundheitssystem, als du krank geworden warst. Es muß für dich – denn so klarsichtig bist du gewesen – eine Hölle gewesen sein.

Dein Satz, ausgesprochen gegenüber deinem Bettnachbarn im Krankenhaus und von Kollmann als Überschrift für ein Kapitel gewählt, der Satz „Schrei erst, Alter, wenn ich vorbei bin!“ zeugt von deiner Mitleidlosigkeit, deiner grundsätzlichen Teilnahmslosigkeit und auch von deiner Isolation. Das sage ich dir als einer, der die Kranken, die Sterbenden auf einer Krebsstation gepflegt hat, im Dienste der Gesellschaft, im Dienste der einzelnen Menschen.

„Jede wahre Sprache ist unverständlich“ schreibst du. Doch in dem Augenblick, in dem Sprache unverständlich wird, ist sie nicht mehr. Hättest du sonst geschrieben, hättest du sonst deine Bücher publiziert?

Vor einigen Tagen, als ich nachts auf dem Fährschiff nach Griechenland gekommen bin, wurde hinter mir stundenlang gesprochen; geriet das Gespräch auch manchmal ins Stocken, so wurde es doch immer wieder aufgenommen. Ich habe kein einziges Wort dieser Sprache verstanden. Manchmal war es ein Bericht, der gegeben wurde, wie aus großer Entfernung gerufen, manchmal schienen es Gebete zu sein, die gesprochen, die gemurmelt wurden.

Auch wir haben diese magischen Gebete: „ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimidi sin“ (Merseburger Zaubersprüche), die wir aber kaum verstehen können, der Heilsspruch für die Leiden, die körperlichen Schäden von Mensch und Tier.

Hättest du Camus‘ „Der erste Mensch“ gelesen (er war noch nicht veröffentlicht zur Zeit eurer „Briefe über die Sprache“), hättest du vielleicht verspürt, was Sprache auch sein kann. Hättest du die neuen Griechen gelesen oder nur den Hölderlin: vielleicht hätte sich dein Leben geöffnet und du hättest wahrhaftig, authentisch gelebt und nicht nur in den unendlichen papierenen Reflexionen und das Schreiben der anderen, deiner Götterbilder Artaud, Bataille und Cioran.

Hättest du einmal in einer großen französischen Familie gelebt, wie es sicherlich Bataille tagtäglich getan hat, du hättest diesen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen seinen Texten und seinem eigenen Leben gefühlt. Denn ich glaube, alles was du selbst gelebt hast, hast du durch die Gedanken und das Leben der anderen gelebt – eigentlich wie in dem Film „Das Leben der Anderen“,  im Vorgriff auf diesen Film und im Rückblick auf die Leben von A., B. und C., die du untersucht hast.

Ich sage, gepriesen sei der Vogelflug, der leichte Wind am Abend, das Gespräch unter Freunden, ja selbst das Gespräch unter Fremden von irgendwoher, ohne Beschreibung, ohne ein Wort, nur eine Berührung…

Du wendest dich gegen die aristotelische, die dichotomische Logik (Brief an Horst Lummert, 29.11.75, Briefe über die Sprache, S. 127) – diese Logik hat die gesamte Welt durchdrungen, sie ist auf ihr begründet. Heute können unsere Maschinen neues Wissen aus bestehendem (notiertem) Wissen erzeugen. Damals schien es mir für unmöglich. Als du davon gesprochen hattest, damals konnte unser System gerade den Satz „La cuisinière blonde dépasse le frigidaire“ korrekt übersetzen 3 …

Wir können eine Frage an das „System“ stellen, der Art: „Wo hat B.M. über welche Themen in den letzten 10 Jahren vor seinem Tod publiziert?“ und die korrekte Antwort wird uns in Sekundenschnelle gegeben.

Heute wird einem Blinden ein Chip ins Auge gepflanzt und das Digitale siegt: er kann Hell und Dunkel unterscheiden.

Heute würdest du nicht mehr die Möglichkeit des Publizierens in den „alternativen“ Zeitschriften suchen müssen. Damals war der „Kuckuck“ eine dieser Zeitschriften, du nennst sie eine „graue Maus“, die für dich, für uns wichtig gewesen ist, denn sie versammelte Ideen, mit denen wir uns beschäftigt haben.

Heute gibt es im Internet andere Möglichkeiten, die nicht mehr alternativ genannt werden, die aber eine weite, fast unendliche Öffentlichkeit ergeben. Du könntest darin eine Plattform finden für einen Freundeskreis und eine Anhängerschaft, du könntest Diskussionen führen und Pamphlete verfassen oder auf sie antworten, so schnell wie du dazu im Stande wärst. Vielleicht würde deine Sprache versöhnlicher. Du bräuchtest nicht mehr schreiben (oder Artaud zitieren): „Verleger sind Schweine“. (was auch damals eine maßlose naive Feststellung war).

Ich würde dir diesen meinen Brief vorhalten und alle meine anderen Briefe, die sich an meine Auseinandersetzung mit unserem europäischen Abendland anschließen. Ganz bewußt habe ich diesen Pleonasmus gewählt.

Dein Briefpartner Karl Kollmann hat dir, in der einfachen Sprache, die wir zu unserem gegenseitigen Verständigen brauchen, die du als eindimensional geschmäht hast, in genau dieser Sprache hat er dir ein Denkmal gesetzt.

Adieu, mein Freund.

E.

(1) Die anderen Briefe sind an den Maler Martin Disler (Für M. D., 1999) und die Schriftstellerin Agnès Rouzier (Schreibübung, 2008, Neuauflage 2012) gerichtet.

(2) Bernd Mattheus, (1953 – 2009).

(3) Cf. Axel Biewer et al.:ASCOF – A modular multilevel system for French-German translation. In: Computational Linguistics, 11 (2-3), p 137-154. 1985

Anmerkung (April 2013): Im MaroVerlag ist Mattheus‘  Text: „Passionen – Daniela, Maria, Greta“ erschienen. Wer die Welt des Bernd Mattheus kennen lernen will, dem sei dieses düstere Buch empfohlen. ISBN: 978-3-87512-296-1.

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2 Antworten to “Dritter Brief an einen Toten”

  1. Erwin Wiedergrüßer Says:

    Habe heute erst von Bernds Tod erfahren. Ich war mit ihm einige Jahre um 1980 herum „befreundet“, wir haben uns einige Nächte um die Ohren geschlagen. Der Kontakt verlohr sich aber Mitte der 80er vollständig. Würde gerne mehr über seine letzten Jahre erfahren. (wiedergruesser@t-online.de)

    • stegentritt Says:

      Da gibt es das Buch von Karl Kollmann: ausgeschrieben im MaroVerlag., wo auch die Passionen erschienen sind.
      Kollmann berichtet, wie Bernd Mattheus gelebt und gearbeitet – ich muß schon sagen. gekämpft hat. Und irgendwie äquivalent sind dazu die Passionen.


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