Das Erdbeben von Athen

Für Holger

Wenn das Flugzeug einer Stadt sich nähert und wenn der Annäherungswinkel nicht gleich null Grad ist, sondern irgendwie schief, dann siehst du nach einer Weile die Landebahnen so, als seien sie gerade für dich vorbereitet, geöffnet, hingestreckt.

Von irgendwoher siehst du von oben hinab, vielleicht auf die alte Stadt Ragusa, ausgebreitet, mit ihren Buchten und Häusern, als seien es Landkarten, aber was bedeuten sie für dich und für deine Wirklichkeit – oder wie stellt eine Landkarte sie dir dar? Wie siehst du sie?

In den Bildern, die dir aus den Fenstern kommen, siehst du, was um dich geschieht oder – verzögert –  was geschehen ist. Du kennst den Unterschied an Zeit, an grammatischem Tempus: geschehen oder  geschehen sein. Nicht wahrnehmen, nicht für sich nehmen, aber es sind Tag und Uhrzeit in die Fernsehbilder eingeblendet. Was bedeutet das? Überzeugen die Bilder dich, und von was überzeugen sie? Daß da etwas geschehen ist?

Wir können sagen, daß wir etwas gesehen haben und wir können es glauben. Aber nun reicht das nicht mehr aus. Nicht-Sehen und dennoch glauben. Die alte wörtliche Beziehung wird zu einem inneren Punkt gebracht und sie wird umgekehrt: Sehen, gesehen haben, aber dennoch nicht glauben. Gesehen haben ist nur noch eine Widerspiegelung, andere werden sagen: ein Reflex. Sehen und spüren. Spürst du die Erschütterungen des Erdbebens, oder siehst du sie, siehst sie als Effekte im Bildschirm, am nächsten Abend, nein, eine Stunde später im Fernsehen, siehst du sie, jetzt, genau jetzt, die da herausgegraben werden, tot, aber du lebst und es gibt keinen Grund dafür.

Die Bilder sind Abbildungen einer bestimmten Art; du kannst ihnen nicht glauben; sie geben nichts her von dem, was geschehen ist. Warum schaust du zu? Ist es sinnlos, all das anzuschauen, obwohl du nichts mehr spürst? Vielleicht geschieht es neben dir und du spürst es nicht, du ahnst es nicht einmal, du siehst es nur auf dem Bildschirm – du bist gleichgültig geworden.

Schaue dir die Landkarten an, bilde dir daraus eine Vorstellung der möglichen Wirklichkeit und glaube selbst nicht daran! Anders ist es, denn erleben mußt du es, mußt mitten im Erdbeben stehen, um zu begreifen, was es bedeutet, was es ist. Wie du darin bestehst, und nach einem Augenblick des Zögerns, darin lebst.

Du schaust auf die Landkarten der Länder, die Landkarten der Welt. Du hast die Erinnerungen daran nur, weil du sie mitgenommen hast, für dich, für dich allein, um daran zu zeichnen.

Holger Milch beschäftigt sich beruflich mit der Optimierung von 
Geschäftsprozessen.
Er liebt das Gespräch.
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