Gibt es eine belastete Sprache ? Ist die Sprache schuldig?

Lieber Ralph, in dem Gespräch mit dem Celan Freund Jean Bollack sprichst du von der Sprache, die für Celan belastet war; du sprichst von der Sprache als von einem Problem, dem sich Celan ausgesetzt fühlte und mit dem er zeitlebens in seinen Gedichten kämpfte, sich ihr, der Sprache, ausgeliefert, ihr unterworfen schien.

Die grundlegende Frage ist, ob Sprache belastet oder unbelastet, schuldig oder nicht schuldig sein kann: jedes einzelne Wort transportiert seine ihm eigene Bedeutung, seine Bedeutungen, jeder Satz ebenso, in der Kombination der einzelnen Wörter, die zusammen stehen. Und jedes Wort hat natürlich seine Geschichte, wie ein Mensch, ein besonderes Lebewesen. Doch diese Geschichte besteht nur aus den Veränderungen, die die Form des Wortes und seine ihm zugeordnete, ihm zugeschriebene Bedeutung und sein Gebrauch erfahren haben. Ich schreibe das so, als könnte ein Wort für sich selbst eine Erfahrung machen, es ist jedoch nur die Kette der Veränderungen, der Verwandlungen, die sich vollzogen haben.

Zur Sprache gehört wesentlich der Gebrauch, die Verbindung des Wortes mit der Wirklichkeit, auf die es zeigt, auf die es verweist und die es repräsentiert – das hat wohl schon Wittgenstein so gesehen. Eine Repräsentation wie in einem Spiegel ? – Spieglein, Spieglein – bist du verantwortlich für das, was du zeigst, was in dir zum Vorschein kommt und in dir gesehen wird? Was du sprichst?

Die Analyse der Sprache des Dritten Reiches[1] habe ich mir gekauft, um darin nachzulesen, was gleich nach Kriegsende dazu gesagt worden ist. Es zeigt sich, dass die Wörter mit neuen Bedeutungen „aufgeladen“ worden sind und dass deren Wiederholung, deren ständige Wiederholung wie „im Trommelfeuer“ die Wörter zu Floskeln werden ließ. Diese Verwendung erscheint mir wie ein eigener Dialekt. Es ist die Verwendung der Sprache als Werkzeug  und nicht die Sprache selbst, die sich geändert hat. Wie hätte denn Celan eine „eigene Sprache“ finden können, wenn sie durch und durch verdorben gewesen wäre?

Gerade die Verwendbarkeit, der Nutzen, den wir aus der Sprache ziehen, macht sie erst zu diesem gewaltigen Mittel, mit dem wir uns in der Welt zurecht finden – und schließlich auch unsere Welt formen – unsere Welt in ihr erfahren.

Sprache – belastet durch den Gebrauch in einer grausigen Zeit. Aber bleibt etwas hängen an der Sprache, eine Last, eine Schuld gar? Ein Überbleibsel all der Dinge, die sie beschrieben hat, für deren Vermittlung sie gebraucht – vielleicht missbraucht – worden war? Eine Beschmutzung, ein Makel, wie ein Teigrest, wenn ich in einen frischen Brotlaib steche, um nachzuschauen, ob das Brot bereit ist.

Kann aber etwas haften bleiben, ein belastendes Merkmal, ein Zeugnis?

In dem Buch von Victor Klemperer wird gleich zu Beginn beschrieben, wie sich das Wort „heldenhaft“ in kurzer Zeit in seiner Bedeutung gewandelt hat und schließlich wurde ein „heldenhafter Abwehrkampf“ nur als „aussichtslose militärische Lage“ verstanden; ganz so, als hätte der Gebrauch für eine Korrektur bei den Hörenden gesorgt.

Wird die Sprache dazu verwendet, die Gedanken der Menschen zu vernebeln, indem Wörter gebraucht werden, die eigentlich nicht zu dem passen, was benannt wird: die „Endlösung“ ist eine solche Umschreibung, die den Kern der Sache beiseite lässt und einen Begriff vorschiebt, der eigentlich eine harmlose Angelegenheit bezeichnen könnte – als handelte es sich um ein mathematisches Problem. das lange nicht zu lösen war, aber nun eine überraschende, vielleicht geniale, Lösung erhält.

Doch ist es nicht die Angelegenheit der Sprache, sondern die des Sprechenden, des Schreibenden, des die Sprache benutzenden Individuums: die Wunderwaffen der Illusion: das Volk als eine Schicksalsgemeinschaft, eine rein gewaschene Gruppe von Menschen, die sich von allen anderen dadurch unterscheidet, dass sie ausgewählt ist, eben von einer höheren Kraft, dem Schicksal, der Bestimmung oder der Vorsehung.

Wie könnten die Flugblätter der Weißen Rose ohne diese Sprache auskommen, inmitten der Zeit, als es erst wenigen dämmerte, dass die Germanendämmerung furchtbar sein würde, dass es keine vernünftige Hoffnung auf Erlösung und Errettung geben würde, außer der einer Verdammnis, schuldbeladen die Hinterbliebenen der Täter, die Hinterbliebenen der Stummen.

Aber die Sprache hat nichts damit zu tun, ob ich nun darüber schreibe oder gar eine Rechtfertigung für diese Taten suchen würde.

Wohl hatte Celan ein Problem mit der Sprache der Mörder seiner Familie, seiner Sippe vielleicht, aber da gerate ich in das Vokabular des 3. Reiches: die Sippenhaft.

Dreht er nicht vielleicht die Sache um und verfällt in eine ähnliche Denkweise – Sprechweise: weil die Mörder Deutsch gesprochen haben, wird deren Sprache hineingezogen in die Schmach und in die Schuld? – Und dennoch benutzt er deren Sprache, weil es auch seine Sprache ist.

Liest man in der „Todesfuge“ nach, wie er mit dieser Sprache gearbeitet hat, also wie er sie für sich benutzt, um den Schrecken und die endlose Trauer auszudrücken, fühlbar zu machen, ihr ein Bild zu geben, so spürt man, wie er mit ganz einfachen Mitteln, ja mit einfachen Wörtern nur diese Dinge mitteilt: alles hat seine direkte unmittelbare Bedeutung, die Gräber in der Luft, das goldene und das aschene Haar; der Meister aus Deutschland – und nicht der Meister der deutschen Sprache.

Ich kann mir mit meiner eigenen Sprache eine eigene, vielleicht nur mir zugehörende Welt erschaffen. Es kann sein, dass sie abgeschottet ist von allen anderen, auch von der Geschichte; oder sie nimmt den andren „Gebrauch“ der Sprache als Kontrast, als weit entfernten Hintergrund, in dem alle Möglichkeiten des Verstehens mitschwingen. Das Gute und ja, auch das Schreckliche der Mörder und des Mordens. Aber die Sprache, unser Mitteilungsmittel, unser Medium, als das Zwischenstück zum Austausch unserer Gedanken, Ideen und Empfindungen, diese Sprache bleibt unberührt.

Man kann mit Rilke sagen:

„…hernach schreibst du nicht mehr. (Ach nicht mehr schreiben? Meinte ich nicht mehr leben?)“[2]


Ralph ist Ralph Schock, der demnächst seine Arbeit beim Saarländischen Rundfunk beendet. Dieser Brief ist Abschied und Aufforderung zu weiteren Gesprächen.

Das Gespräch mit Jean Bollack hat den Titel: „Zwischen Metz und Saarbrücken wurde er ein anderer“. Die Erstsendung war am 27.5.1993, die Wiederholung, die ich hörte, war am 24.1.2017 im SR2

[1] Victor Klemperer: LTI – (Die Sprache des Dritten Reiches), Stuttgart 2010, Erstveröffentlichung 1947

[2]  Aus einem Brief an Magda von Hattingberg vom 21. Februar 1914. Zitiert nach: Rilke – Briefwechsel mit Magda von Hattingberg, Frankfurt/M. Leipzig 2000, S. 157

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