Wenn du von der langen Kaimauer

Lieber Holger!

Wenn du von der langen Kaimauer, die bis zum Weißen Turm führt, ein oder zwei Blocks vom Aristotelous-Platz entfernt, einige Schritte gehst in Richtung des Museums für den Makedonischen Krieg, der wann immer stattgefunden haben mag, dann kommst du zu dem kleinen Friseurladen, den ich dir schon vor über zwanzig Jahren beschrieben habe. Nun bin ich wieder dort gewesen: die fenster sind neu, aber die drei Friseusen arbeiten immer noch darin, die großen, mit knallroten Kunstleder überzogenen Friseurstühle sind noch da, unverändert, unverändert beeindruckend groß.
Ich habe mir wieder die Haare schneiden lassen; die Waschbecken und die spiegel sind ebenfalls neu, aber sonst scheint alles unverändert, Telefonanrufe werden angenommen und mit der freien Hand werden die abgeschnittenen Haare zusammengekehrt, die Friseusen unterhalten sich in Griechisch mit den Kunden, aber untereinander sprechen sie Ungarisch.

Am Aristotelous-Platz gehst du auf der rechten Seite vom Meer weg, überquerst eine Straße und nachdem du einen kleine Buchladen passiert hast, siehst du in einer Toreinfahrt (in der gerade gearbeitet wird) im Hinterhof ein Restaurant, halb in dem Gebäude selbst, halb im Hof angesiedelt. Auch dieses Restaurant ist noch in Betrieb, doch konnte ich hier nicht die Qualität der Speisen überprüfen (waren sie noch so ausgezeichnet wie damals?), doch die Atmosphäre schien die selbe geblieben zu sein…

Zum Ausgleich sind wir mit der Cousine nach Epanomi gefahren, was ungefähr 20 km südöstlich in Richtung der Chalkidiki liegt. Der Ort ist uninteressant, aber er hat einen Ableger an der Küste, und dort gibt es eine Reihe von Fischrestaurants. In das letzte, auf einer Anhöhe mit Blick über den Golf sind wir gegangen.

Dort werden die Gäste wie Freunde behandelt, und in der Tat war der Empfang und die Bewirtung freundlich und freundschaftlich, nicht zuletzt wegen der Cousine, die beim Namen bekannt war.
Gegessen haben wir die verschiedenen Salate, selbstgebackenes Brot und gegrilltes Gemüse mit Pilzen. Ein Wein der Gegend gehörte dazu, gegrillte frische Sardinen und dann ein der Mitte aufgeschnittener Fisch, so aufgeschnitten, daß beide Seiten aufgeklappt gegrillt wurden. Ich habe ihn mir vorher in der Küche zeigen lassen, auch um die Frische zu überprüfen. Er war mit einem Dreizack, wie von Poseidon, aufgespießt worden, der Einstich war deutlich sichtbar…

Während das Gespräch geführt wurde bei Tisch, an dem ich mich ja nur hie und da mit einer kurzen Bemerkung beteiligte, habe ich den Anblick von dort oben auf das Meer genossen, studiert, in mich aufgenommen. Das Schimmern der winzigen Wellen, die vorüberziehenden Schiffe von und nach Thessaloniki, die Fischerboote, die Motorboote, die Schwimmer unten am Strand.

All das ist eingeflossen in den neuen Text, den ich diesen Sommer geschrieben habe, hier nun das „Kapitel“ ‘ Essen am Meer‘.

Diese Augenblicke überstrahlen alle anderen Augenblicke, diese Tage alle anderen Tage, es ist in der Ruhe und Gelassenheit ihr „Im-Augenblick-Sein“, Es sind Punkte, Haltepunkte, Innehalte-Punkte für eine sehr lange Zeit.

 

E.

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