Thalwil oder meine Documenta

Der Blick aus dem Fenster geht auf eine Autowerkstatt. Das Zimmer, ein Wohnzimmer, ist eigentlich das Atelier. Da sitzen wir, der Maler Helmut Federle und ich, sein Freund, Student noch, der eine der Schreiber, der andere der Maler, spielt Akkordeon.

Auf dem Sofa liegt eine graue Decke aus Wolle. In die Stadt fahren wir mit dem Zug und kaufen Schallplatten, irgendwo auch Bücher. Die Verkäuferin träumen wir auf dem Sofa liegend ausgestreckt, ist es vielleicht eine Russin, fragen wir uns.

Die Gespräche, die wir führen, gehen über die letzten Ausstellungen, hier in der Schweiz und in Amerika. Könnten wir dorthin fliegen? Könnten wir nach Nordafrika fahren und die Tunis-Reise wiederholen, für uns? Wir wollen neue Bücher schreiben, neue Bilder malen und neue Zeichnungen zeichnen, sie als eine Arbeit sehen, die für sich alleine steht und in sich ruht. Die für sich selbst besteht. Die auf andere Dinge verweist, wenn es notwendig ist, nur dann. Ein Bild oder ein Zitat aus einer anderen Arbeit, einer anderen Schrift, worauf wir zeigen.

Oder wir lachen über eine alte Geschichte, mit anderen Freunden, zu anderen Zeiten. Was wir verabscheuen, ist die Belanglosigkeit; was wir lieben ist die innere Notwendigkeit.

An den Nachmittagen sehen wir im Fernsehen wie Kunst gemacht wird: ein Weihnachtsbaum, der mit einer Laubsäge aus dem Holz gesägt wird; auch die Kugeln sind aus Holz und werden am Ende an den Baum gehängt, wenn er fertig ist, wenn fertig ist die Kunst. Wir beide sagen: das ist wirkliche Kunst, Experimente werden nicht gemacht, jeder versteht es sofort: diese Kunst wirkt direkt und geht ans Herz der Zuschauer.

Ich sage dem Maler, dass er eine solch simple Kunst machen soll, um berühmt zu werden.

 

 

Nun sehe ich wieder Kunst im Fernsehen, es ist die neue Documenta, diesmal mit einem Ableger nach Athen. Dort hat ein Künstler den Abfall in den Straßen sammeln lassen, zum Teil hat er auch selbst gesammelt  und alles wurde in vielen Säcken in ein Lager nach Deutschland gebracht. Dort wird nach geeigneten Teilen gesucht, die in Bücher gelegt und zusammengepresst werden. Ja, wir haben früher auch Blätter in Bücher gelegt und sie zusammengepresst. Blüten und Blätter in dicke Bücher, damit sie durch den Druck und mit der Zeit als getrocknete Erinnerungsstücke wieder hervorgeholt werden können. Diese hier werden mit den Büchern in der Ausstellung gezeigt werden. Was lerne ich dadurch, wie erweitert sich meine Wahrnehmung, wo berührt es mich? Oder ist es nur eine Vorstellung einer anderen Welt, einer anderen Umwelt, einer anderen Gesellschaft, die nun gerade in Not ist und wir zeigen diese Not an den weggeworfenen Überbleibseln. So fern, so unverständlich, ja auch so dünkelhaft: seht, der Abfall von denen da.

 

 

Vor einigen Jahren schon ist Jochen Gerz auf einem Feld gestanden, ganz allein und hat gerufen. Immer wieder gerufen. Nach einigen Minuten, als es schien, dass seine Stimme versagen würde, hat er plötzlich und überraschend neue Kraft gewonnen und seine Stimme wurde lauter als zuvor. Hat sich die Luft, die den Schall zu uns, den Beobachtern getragen hat, der Stimme erinnert und hat sie die fortwährend rufende Stimme zu der erinnerten hinzugefügt? Oder war es unser Ohr?

Eine Erinnerung, die sich überlagert mit einem gerade gehörten Ereignis; und wir haben das nicht nur körperlich, wir haben das in unserer Seele gespürt.

 

 

Christian Boltanski hat die Hinterlassenschaft eines Verstorbenen (oder war es eine Frau?) aufgekauft – die Gegenstände der Wohnung. Diese hat er sortiert und klassifiziert. Vor den einzelnen Dingen hat er kleine Etiketten hingestellt; „4 Stühle“ oder „12 Messer und Gabeln“, „1 Schachtel“, oder „1 Vase“ war darauf zu lesen, als ich sie in der Kunsthalle Baden-Baden gesehen habe. Viele der Vernissage-Besucher waren verstört; ich war betroffen – die Überbleibsel eines ganzen Lebens.

Als wir eine Sendung für das Fernsehen vorbereiteten, wollte er das Fotoalbum seiner Familie zeigen, doch es gab technische Schwierigkeiten für die Übernahme des Super-8-Films in das Fernseh-Format. So schrieb er mir: „Nimm doch das Album einer anderen Familie!“ Und ich nahm das Album meiner eigenen Familie, das er zu seinem eigenen Album erklärte: die so ähnlichen Bilder eines Familienlebens: meines, deines, eures.

 

 

In dem alten Schulhaus von Dulliken in der Schweiz war ein kleines Zelt im ehemaligen Klassenraum aufgebaut, aus einem dünnen Stoff. Es war nur das Dach eines Zeltes, rein weiß und nichts rührte sich. Doch näherte man sich dem Zelt, so bewegte es sich leicht – als würde es atmen. Erst nach einer Weile, wenn man sich nicht rührte, beruhigte sich das Zelt wieder und blieb still.

Das Zelt hat der junge Anselm Stalder gebaut.

 

 

Ein Porträt, ein leicht nach links gewendetes Gesicht mit schwarzen Haaren, vielleicht schulterlang, doch das ist nicht genau erkennbar, ebenso wie der Hals, der von einem Schal umschlungen scheint. Diese undeutlichen Bereiche lenken den Blick auf das Gesicht, die leicht geöffneten Lippen, die etwas gebogene Nase und die dunklen Augen, die direkt in die Kamera schauen, direkt zu mir.

Auf den folgenden Fotos wendet sich das Gesicht immer mehr nach vorne und dann weiter nach rechts, blickt aber immer in die Kamera. Die Gesichtszüge auf den ersten Fotos sind weich, fast weiblich und werden härter, akzentuierter, weiße Stellen erscheinen in den Haaren, die schließlich ganz ergrauen und weniger werden. Schließlich blickt ein gealterter Mensch in die Kamera, genauso ruhig wie zu Beginn der Serie, allerdings, so scheint es, ein wenig müde und resigniert, doch der Blick ist unverändert intensiv und starr: du bist mein Gegenüber, dem ich mich gezeigt habe, über diese verflossene Zeit meines Lebens.

 

 

Am Morgen, wenn ich Jost Stenger in Frankfurt treffen wollte, meistens in der Galerie Kölling bei dem Büchermacher H.C. Schmolck, habe ich ein großes Glas Rotwein getrunken, mit einem rohen Ei und Traubenzucker verrührt: es war so anstrengend, mit Stenger zu reden, zu diskutieren, einfach seinen verrückten Ideen zu folgen und mit ihm zu lachen. Er hat Theaterstücke geschrieben und Aktionen durchgeführt, als das Wort „Aktionskünstler“ gerade gebildet worden war, als sein Mentor Beuys seine Direkte Demokratie in hundert Tagen in Kassel auf der Documenta diskutierte.

Stenger hat sein Konzept für ein progressives Museum in einer Frankfurter Galerie gezeigt. Das Konzeptheft zeigt die Kunst Europas, alte und neue Meister und die Betrachter, die in eine Vitrine gestellt werden. Das genügt für alle vergangenen und zukünftigen Documentas.

 

Bibliographie

Helmut Federle: Dark Night Three. editions P, Marseille, 2016

Jochen Gerz: Rufen bis zur Erschöpfung. SR2 Fernsehen, Saarbrücken, wahrscheinlich 1982

Anselm Stalder: Glimmende Peripherie. edition fink, Zürich, 2012

Christian Boltanski: 14 x 14, Kunsthalle Baden-Baden, 1972

Urs Lüthi: Just another story about leaving. Galerie Stadler, Paris, 1974. Nachdruck: AQ-Verlag, Saarbrücken, 1979

Jost Stenger: Progressives Museum. AQ-Verlag, (Frankfurt/M.), Saarbrücken 1972

Eine Antwort to “Thalwil oder meine Documenta”

  1. Kathrin hellmerichs Says:

    Was Boltanski gemacht hat, erinnert mich an eine Hausfrau, die 1947 all das zusammengetragen und aufgestellt hat, was sie in einer Woche an Arbeit zu erledigen hat: hunderte von Tassen, Teller, Besteck. Betten Wäsche, Essen. Es war so unfassbar viel . Es hat mich geschockt….. als ich es in den 60 erJahren als Jugendlicher zum ersten Mal sah. Und es war notwendig, gezeigt zu werden, um etwas beim Betrachter in Gang zu setzen, wie du sagst. Und es hat meine Wahrnehmung dieser Tätigkeit verändert.
    so ist es auch mit Werken der Documenta, auch in diesem Jahr, viele haben Weckfunktion…..
    Danke für die Anregung


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