In der Champagne

Saarbrücken, Oktober 2008

Lieber Guido!

Bist du in diesem Land auch in die Kavernen gestiegen, nicht diejenigen meine ich, die sie für den Champagner gegraben haben, in denen du die Kostproben, die „Dégustations“ genießen konntest, sondern in die Höhlen, in denen sie sich bekämpft haben – die Deutschen und die Franzosen?
Dort  unten haben sie ihre Kranken und Verwundeten versorgt, es gab Operationssäle, ähnlich denen, die der Vietkong eingerichtet hatte, später in Fernost.

Die Reihen der Weinstöcke laufen die Hügel hinauf und hinab. Im Herbst, wie jetzt, werden die Feuer angezündet in den Bergen und der Rauch zieht durch die Täler davon.
Die kleinen Restaurants liegen versteckt seitwärts an der Landstraße, es ist nicht sehr weit bis oder von Paris, aber es ist schon eine andere Welt.
Etwas weiter nördlich, auf den Hügeln, in den Tälern, findest du die ersten Soldatenfriedhöfe. Hunderte, Tausende von Gräber. Kreuze für die Christen, in der Mehrzahl, aber auch Gräber für die Muslime, mit einem Turban markiert. Das waren die Soldaten aus den französischen Kolonien, aus Algerien, Marokko… Für wen, für was sind sie gefallen?
Oben weht die Fahne im Wind.

Wohl bist du durch diese Landschaft gefahren und hast an das „Leben wie Gott in Frankreich“ gedacht, hast die Sehnsucht verspürt, dich hier niederzulassen, hier oder weiter im Süden, dort wo die Winter nicht mehr sind als ein Herbst oder ein
milder Frühling.

Aber vielleicht bist du aus der Champagne herausgefahren weiter nach Osten, durch den Wald der Argonnen, nach Ste. Ménéhould, nach Varennes, wo sie Ludwig XVI. gefaßt haben, dann weiter zu den Hügeln der ehemaligen Grafschaft Bar, mit dem Totengedenken für René d’Anjou, weiter durch die Wälder und in das offene lothringische Land, etwa hinauf nach Hattonchâtel, hoch über dem Tal gelegen, auch hier die Weinberge, von denen die Champagne beliefert wurde. Kennst du den trockenen blaßrosafarbenen Gris de Toul? Oder bist du doch weiter nach Süden abgebogen, vorbei an dem Wohnort De Gaulles? Hast du daran gedacht, daß sich Voltaire oft hier aufgehalten hat bei seinen vermögenden Freundinnen? Um zu schreiben und Theater zu spielen…

Auch ich bin hier herumgelaufen und habe einige Notizen geschrieben, die ich dir hier zusende.

E.

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Guido Drexel, Computerlinguist und Wanderer.
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