Innenraum, der Außenraum

Die jüngere Schwester meiner Tante Martha hieß Else. Sie wollte nicht in der Rüstungsfabrik arbeiten, vielleicht konnte sie es körperlich nicht durchstehen. Sie meldete sich, zwanzigjährig, zur Ausbildung als Nachrichtenhelferin. Sie hatte die Zusage, dass sie ausschließlich im „Reich“ eingesetzt werden würde – doch schließlich fand sie sich an der Ostfront, und später in Nord-Italien, wieder.

Die Nachrichtenhelferinnen stellen in Telefonzentralen die Verbindungen her. Das geschieht von Hand, indem Kabel in Buchsen gesteckt werden – ganz so, wie wir es nur aus Filmen kennen: eine gewünschte Verbindung wird angefordert, und die entsprechenden Stecker werden gesetzt.

Diese Schaltungen waren genau die Stelle, an der in die Gespräche hineingehört werden konnte. Deshalb habe ich sie gefragt, zu welchem Zeitpunkt es ihr klar geworden sei, dass der Krieg verloren war. Lachend antwortete sie, das Mithören sei strengstens verboten gewesen, doch sie alle hörten trotzdem mit. Ihre Zentrale arbeitete auf Divisionsebene, somit hatte sie Zugang zu den Einschätzungen der Lage auf höherer Ebene: bereits vor dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad war es klar gewesen – der Krieg war verloren.

Diese Einsichten hat sie nach Hause gebracht, während der Heimaturlaube, wo sie ihr Wissen mit dem Wissen der anderen Familienmitglieder, auch das ihrer Schwester Martha, (die die Feindsender abhörte), abgeglichen haben mag.

Dennoch fuhr sie immer wieder zurück zu ihrem Einsatzort, selbst als die Front in Polen zusammenbrach.

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In der Küche meiner Großeltern hing ein Bild des Onkels Siegfried. Es zeigte ihn in schwarzer Panzer-Uniform; auf dem Kragenspiegel war deutlich ein Totenkopf zu sehen. Es hieß, er sei nur deshalb zur Waffen-SS eingezogen worden, weil er das Gardemaß besessen hatte. Ich habe nie mit ihm gesprochen, denn er war kurz nach dem Krieg gestorben.

Meine Großmutter hätte am liebsten den Totenkopf wegretuschieren lassen.

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Der Krieg führte meinen Vater nach Frankreich, nach Russland, das Öl von Baku als fernes, unerreichtes Ziel. Wieder in den Westen und in die amerikanische Gefangenschaft.  Das Eiserne Kreuz hat er erhalten, weil er mit einem Trupp die Trikolore aus dem Schulhaus eines verlassenen Dorfes direkt hinter der französischen Grenze „erbeutet“ hatte.

Zu seinen Berichten aus der Kriegszeit gehörte es, von den Judenverfolgungen hinter der Front zu erzählen: Der Führer seiner Einheit habe ihnen gedroht, jeden, der sich an diesen Untaten beteiligen würde, eigenhändig zu erschießen.

Nach dem Krieg wurde er von der Haganah angeheuert, um eine Gruppe Juden auf ihrer Reise nach Palästina heimlich an die französische Grenze zu bringen. Ob er dafür Geld bekam – ich habe ihn nicht gefragt.

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Onkel Willi war Grubensteiger. Als der Hitlergruß in der Zeche eingeführt wurde, hat er seinen Leuten das Grüßen untertage verboten. Er wurde verpfiffen und kam in die Gestapo-Zelle im Saarbrücker Schloss. Bei dem Verhör erklärte er den Polizisten, dass er den Hitler-Gruß verboten habe, weil sich die Kumpels an dem Gestänge in den Stollen verletzen könnten, und das würde die kriegswichtige Kohle-Förderung gefährden.

„Au Mann“, sagte er mir, „was waren das für dumme Leute!“ – und lachte, denn er hatte sie, wenn auch nur in dieser winzigen Angelegenheit, überlistet.

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Mein Schwager Helmut wurde mit 18 Jahren nach Russland geschickt; einen Sowjetsoldaten, der ihn erschießen wollte, hat er mit dem Gewehrkolben erschlagen. Aus der russischen Gefangenschaft kehrte er sechs Jahre nach Kriegsende zurück.

An dem Tag, an dem seine Eltern die Mitteilung erhielten, er sei an der Ostfront vermisst, erhielten sie auch die Nachricht, dass sein Bruder gefallen war.

Dennoch gehörte er zu jenen, die sagten „es war nicht alles schlecht“.  Mich hat er wohl als Fahnenflüchtigen eingeschätzt, wegen meiner Argumente.

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Es sind Berichte von einem Schrecken, den wir uns nicht vergegenwärtigen können, denn wir sind die Nachgeborenen, die, die nicht selbst dabei gewesen sind.

Hätte ich den Mut gehabt, auch für diese kleinen Taten, nicht einmal Heldentaten?

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Das ist der Innenraum: unsere Geschichte, bevölkert mit Verbrechern, Mitläufern, Feiglingen und denjenigen, die sich nicht einfügen wollten, um ihrer Ehre willen.  Einige leisteten Widerstand. Wird der Bibelspruch, der von dem einen Gerechten erzählt, uns treffen?

Innenraum: Gedanken, Gefühle und Meinungen, Diskussionen und Streit, Wissen und Unkenntnis, Beschönigungen und Anklagen.

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Der andere Raum, der Außenraum, der uns umgibt, uns, die wir gefangen sind in unsrer Innenwelt. Dieser Raum ist erfüllt mit dem Schrecken und dem Leid, die wir über andere brachten. Außenraum, den wir nicht kennen, in den wir nur manchmal hineinsehen können. Was schaut uns entgegen?

Dieser Außenraum, er wurde mir aufgestoßen, als ich in Paris umherspazierte und meine „Education sentimentale“ begann: Schule der Gefühle, des Liebens, des Lesens, des Lebens.

Eine Frau, deren Vater durch die Gestapo zu Tode gefoltert worden war – weil er ein Wissenschaftler war. Deren Mutter, im KZ, schon befreit, an Entkräftung gestorben war – weil sie eine Jüdin war.

Ein junger Deutscher, der ihr Liebhaber geworden war.

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Auf einer Fahrt nach Bordeaux nahmen wir einen Fremden mit. Er berichtete voller Stolz: „Auf dieser Straße haben wir die Deutschen gejagt!“.

Verwundert saß ich daneben und schwieg.

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Einst in Dijon schlug man mir die Tür vor der Nase zu, als meine Aussprache mich als Deutschen verriet.

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Im September des Jahres 1943 nahmen deutsche Soldaten in einer griechischen Stadt junge Männer als Geiseln und erschossen sie.

Die Schwester einer dieser Männer ist heute meine Schwiegermutter.

Als ich zum ersten Mal ihr Haus betrat, wurde ich empfangen wie ein Sohn.

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Der Großvater meiner Großmutter diente als Notar in der Armee Napoleons. In Trier, wo er mit Aufgaben bei der Säkularisation betraut war, lernte er eine junge Frau kennen, in deren Backofen er sich versteckte,  als die Grande Armée nach Russland weiterzog.

So lautet meine Familiensaga.

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