Der Maler benutzt die Formen

Der Maler benutzt die Formen, die Farben, die Kombination des Einen mit dem Anderen, die Verbindung; Verfügbarkeit in seiner Arbeit, in seinen Überlagerungen, seinen Meditationen:

Der Maler benutzt Formen, die noch die besondere Eigenschaft ihrer Form aussagen und mitteilen, das Rechteck, das Feld vor einem Hintergrund, in einem Vordergrund, das Spiel der Beziehungen hat begonnen. Aber nichts mehr, was direkt darüber hinausginge, darüber hinauszeige, oder möglich ist.

Der Maler benutzt die Farben mit einem Pinselstrich. Die Spuren seiner Arbeit sind eingefügt und eingebettet, sind Teil, sind Stücke von all dem, was hergestellt wird in seiner Arbeit. Da sind die Überlagerungen.

Welche Gegensätze aber entstehen, wenn der Schreiber sich dem Maler gegenübersieht?

Das Schreiben mit der Bedingung für sein Schreiben: nämlich alles was benutzt wird, ist bereits benutzt, ist bereits zitiert. Wörter sind nicht Formen, wenn sie geschrieben sind; und gelesen weisen sie augenblicklich über sich selbst hinaus, sind nicht einmal sie selbst, sind Mitteilung vor einem anderen gegenwärtigen Hintergrund, in einem Rauschen einer anderen mitbenutzten Sprache. Die Wörter sind bekannt, sind mehr als nur die Eigenschaft des Rechtecks des Malers, mehr als nur das Feld, der Hintergrund.

Der Maler nimmt die Form und setzt sie dorthin, wo sie für ihn hingehört, in die Fläche, seinem Raum. Der Schreiber hat die Regeln der Sprache, um die Wörter so zu setzen, daß sie einen möglichen anderen Sinn ergeben können, oder erzeugen sollen. Das ist die Verfügbarkeit, denn es gibt keine Farben, keine Halbdurchlässigkeit, Überlagerung der Formen, Schneiden der Gegenstände, der Darstellung.

Der Maler kann Regeln überdehnen, bis daß sie nicht mehr wirken können oder nur als entferntes, kaum spürbares Ziehen, Beeinflussen spürbar sind, – spürbar, kaum spürbar. Das unbeirrte Konzentrieren auf das Malen, auf das Verflüchtigen des Malens.

Ist dem so? fragt der Schreiber sich.

Der Schreiber wünscht sich, auch die Wörter zusammenziehen zu können an einem bestimmten Ort, und sie an einem anderen Ort auszudünnen, ganz gleich. Doch ein Wort steht neben dem anderen Wort. Die Entfernung des Einen von dem Anderen hat eine Wirkung nur durch die Reihenfolge der Wörter, nicht durch die meßbare Distanz: die innere Beziehung ist so entstanden. In der Abfolge der Wörter entstehen die Bedeutungen, in der Abfolge der Zeichen entsteht das Bild: eine andere Art zu arbeiten.

Die Zeit, die der Maler braucht, die Zeit nimmt der Maler mit in sein Bild, ebenso die Überarbeitungen, die Anlage, Komposition, die Überlegung und das Abstand-Nehmen, die Überlagerung, mag sein die Korrektur, eine Form zu einer anderen Form.

Nicht einmal das Tagebuch, nicht einmal als Folge datierter Briefe oder Notizen hat dies der Schreiber. Die Zeit, die beim Schreiben verfließt, existiert nicht, sie ist nicht als Material, sie ist vielleicht Hindernis: der Maler hingegen braucht die Zeit des Malens, um malen zu können, um zu seinem Bild zu kommen, und um in seinem Bild die Zeit als Handlung, als Bewegung, als kleine Bewegung der Hand, als Pinselstrich, als Teil des Bildes zu haben.

Der Schreiber? Überschreiben eines Wortes? Korrektur eines Satzes? Was ist das im Zusammenhang des Werkes: nur in den Handschriften merkbar, sichtbar, dann unsichtbar, geglättet und entfernt; die verschwundene Spur, etwa wirkungslos?

Die Dimension der Zeit ist die Aufreihung der Wörter, die Abfolge, das Hintereinander, (in dieser oder jener Richtung gelesen, je nach dem): kein Raum, der je entstehen könnte: es gibt nur die Linie, auf der geschrieben und gelesen wird. Dort aber, auf der Seite des Malers, ist der Raum, der gefüllt sein wird mit allen Materialien, die er sich nehmen kann, mit dem er leben muß. Der Schreiber hat Schriftzeichen, die nicht-aufzählbare Folge der Wörter, der folgenden, aufhebenden, ergänzenden, verändernden Wörter. Hier gibt es kein Überschreiten der Grenzen der Sprache, keine Auflösung, manchmal nur sind es unvollständige Sätze, abgebrochene Mitteilungen… Das ist alles. Wie könnte der Schreiber mit der Gegensätzlichkeit der Formen, ihrer Ergänzbarkeit oder ihrer Umkehrbarkeit spielen? Wie könnte er je ein Wort wie eine Form an den Rand stellen, um sie so in Bewegung zu setzen oder in Frage zu stellen, um ihr eine sprengende Kraft zu geben, wenn Rand und Rand der Form eins sind? Wie könnte er das?

Er kann nicht das Schreiben aus dem Schreiben heraus auflösen. Der Maler geht beim Malen an den Rand des Malens, und er malt weiter, an diesem (neuen) Ende. – Dem Schreiber ist jeder Satz ein Ende, jeder Punkt. Ein geschriebenes Wort kann durchgestrichen werden, es muß neu geschrieben werden, neu gelesen werden. Gelesenes kann nicht verändert und aufgehoben werden.

Wie dünn ist diese Linie, wie weit ist der Raum.

Der Maler kann dem Bild ein weiteres Bild geben, eine zusätzliche Sicht hinzufügen, das Malen sichtbar machen oder verschwinden lassen. Buchstaben können gemalt werden, es können Titel hinzugefügt werden (was ist ‘Panthera Nigra’, ist es das Fließen des Schreibens etwa?), es können Beziehungen aufgebaut werden zwischen dem Malen und dem nachträglichen Benennen, es können Zitate hergenommen und umgewandelt werden, es kann das Malen und das Zögern beim Malen und die abschließende Entschlossenheit gezeigt werden, in einer Geste, einem winzigen Hinweis.

Der Schreiber schreibt seinen Text, den er nicht abheben kann von dem Hintergrund, dem Rauschen, dem er unterworfen ist, seiner Sprache, an die er gebunden ist. Alles ist sogleich Zitat und Benutzung. Aus den Verkettungen der Wörter tauchen Kreuzungspunkte auf, die mit einer Bedeutung bestückt sind, die allgemein ist. Von einem Punkt zum nächsten liest der Leser später den Text, Satz für Satz, vielleicht zwei Wörter, die ausreichen. Kein Bild. Kein „So – Wie“. Die Bedeutung entsteht weit hinter oder weit vor den Wortzeichen.

Der Maler malt indes – vielleicht unter Schmerzen – eine Form und sie ist diese Form, die auch etwas anderes sein kann, aber sie ist immerhin und zuerst diese Form. Der Schreiber nimmt ein Wort, schreibt es nieder, und er hat dieses Wort mit all seinen Bedeutungen, Ahnungen, Verweisen, Hinweisen, die er nicht abstreifen kann, wenn er es wollte. Das Wort kommt daher mit all seinen Anhängen, die aus der Sprache, aus der Geschichte und aus den Enzyklopädien, und aus den anderen Büchern, Schriftstücken, Dokumenten, Gesprächen, den guten und den schlimmen, den Erzählungen, Berichten, dem Bereits-Niedergelegten, dem Bereits-Geschriebenen stammen; festgeheftet irgendwie, nicht abtrennbar.

Woher, woher nimmt der Maler seine Form, sein Vieleck, und wie erhält er diese Form? Frei von der Farbe, eingehüllt in die Bestimmtheit, die Ränder der eigenen Form, manchmal, wie hier, an den Rand des Bildes gestellt. Bild oder Form, überlagert, in eins fallend, zusammen eine (gemeinsame?) Grenze. Für den Maler ist es die Bestimmtheit, die schließliche Unverrückbarkeit, dann in Frage gestellt, sichtbar geworden; andere Bilder. Am Ende der Arbeit ist es seine Sache geworden, das „Ding-da“, sein Eigenes, dann Weggegebenes. (Darüber wissen wir Bescheid). Damit kann er umgehen, kann es verändern, es auf- und niederschlagen, auswerfen, aushöhlen und füllen, umranden, überarbeiten, korrigieren, verschieben, über-, untermalen, mit anderen Formen, mit anderen Farben, anderen Spuren, fremd, ihm fremd erscheinen lassen, und dann zu sich nehmen, um es wegzugeben, weggeben zu können, zu dem lang anhaltenden Betrachten.

Ist das der Hintergrund, ist dies der tatsächliche Vordergrund, das Zentrum, die Form zum Zentrum hin versetzt? Die Beziehung der Bilder, als eine Syntax der Fragen der Bilder. Das Innen und das Außen der Bilder, und die Frage, was ist es nun, was ist dieses Bild in der Reihe der Bilder, in der langen Reihe der Bilder?

(Dieses Wort, diese Wörter, in der Reihe der Wörter, in der sehr langen Reihe der Wörter).

(23.-25.4.1998, Athen; 2./3.5.1998, Saarbrücken; 1.8.2004, Platamonas; 7.5.2005, Saarbrücken)
(Der Maler, der Schreiber: Zur Ausstellung „Panthera Nigra“ von Helmut Federle bei Peter Blum, New York, und dem Text von John Yau)
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