Die Übersetzungen

4.5.2015

Meine Nachtlektüre sind Montaignes Essays. Ich lese sie in der deutschen Übersetzung in der großformatigen Ausgabe in der „Anderen Bibliothek“, aus dem Jahr 1998 [1].

Aber es stört mich, daß die lateinisches Verse, von denen es eine Fülle gibt, in deutsche Reime übersetzt sind. Um des Reimes willen klingen sie oft dümmlich [2]. Und so greife ich manchmal zur französischen Ausgabe, in der die Zitate nicht gereimt übersetzt sind – und als Zugabe gibt es die Quellenangabe, die Montaigne selbst nicht haben wollte, denn die Zitate sollten nicht durch die Autorität der Autoren, sondern durch den Gehalt überzeugen.

Der französische Text ist schwer zu lesen, denn es ist das Mittelfranzösische, vermengt mit gascognischen Eigenheiten, das sich in Satzbau und Schreibweise vom heutigen Französisch stark unterscheidet.

So habe ich neben dieser älteren Ausgabe eine neuere zur Hand, in der die Schreibweise modernisiert ist und in der zahlreiche erklärende Fußnoten mir helfen beim Lesen und Verstehen. Während die ältere französische Ausgabe auf das berühmte ‚Exemplaire de Bordeaux‘ zurückgreift, also auf den Text von 1580 und auf Montaignes Ergänzungen in diesem Exemplar, wobei die verschiedenen Textstufen mit den Buchstaben a, b und c markiert sind für die Jahre 1580, 1588 und später und dadurch interessante Aspekte der Entwicklung verdeutlichen, geht die neuere Ausgabe auf die posthume Edition von 1595 zurück [3].

Diese enthält aber nicht die a-b-c-Markierungen. Das ist diejenige Ausgabe, die Montaignes Geistesfreundin Marie de Gournay erstellt hat, ebenfalls wohl auf der Grundlage eines annotierten Exemplars, und die anscheinend lange Zeit von der Wissenschaft als fehlerhaft und unzulänglich bewertet worden ist.

So wechsele ich von der einen zur anderen Ausgabe, von der einen in die andere Sprache, von der einen Zeit in eine andere Zeit. Ich spüre, wie dieser Text lebt und sich entwickelt, wie er so oder so verstanden und beleuchtet werden kann (eigentlich im Sinne Montaignes).

Gerade bin ich im 3. Buch bei dem Essay „Über einige Verse des Vergil“ (Sur quelques vers de Vergil) angelangt. Wie so oft, ist dies ein Titel, der zwar den Anlaß und den Ausgangspunkt des Essays benennt, doch die Abschweifungen Montaignes führen uns zu den Fragen der Liebe und der Obszönität, der Lust und der jeweiligen Beschaffenheit von Mann und Frau.

Hier kann ich besonders deutlich spüren, wie ein Wort oder eine Wendung in meiner Muttersprache wirkt und wie sie in der anderen, der dazu gelernten Sprache daherkommt: in jedem Fall weniger plastisch, weniger vulgär.

Der französische Text erscheint mir wie von einem durchsichtigen Lack überdeckt, so daß er mir poliert und glänzend erscheint; er könnte durchaus in einem Salongespräch zitiert werden, ohne Aufsehen zu erregen und niemand würde die Augenbrauen hochziehen oder gar erröten.

Nun frage ich mich, ob dies nur aufgrund der Unterschiede zwischen der Muttersprache und der Fremdsprache so ist, daß also im umgekehrten Falle, wenn etwa ein Franzose einen deutschen Text im Original und in der Übersetzung lesen würde, er den selben Eindruck verspüren würde. Etwa wenn er oder sie den Grimmelshausen läse, in der einen und in der anderen Version.

Ist es so, daß ein Wort aus der anderen Sprache nicht diese Assoziationen nach sich zieht und nicht die Wirkung verursacht, wie das entsprechende Wort oder Wendung in der Muttersprache?

Eine ganz andere Erfahrung habe ich mit den Briefen Kafkas an seine Freundin Milena machen können: ich habe sie zunächst in der französischen Übersetzung gelesen und erst später im deutschen Original – sie waren für mich deckungsgleich und symmetrisch: so als sei ein Abbild durch Abschreiben oder Durchschreiben gewonnen worden – durchschreiben mit einem über das Original gelegten Transparentpapier, so daß es keine Unterschiede geben kann.

Was sagst du dazu, du bist ja auch in beiden Sprachen zuhause – ich denke an die deutschen und französischen Texte in deinen Bistrot-Büchern.

E.

[Für Edmund Kuppel, den Fotografen der Bistrots. Mein früherer Brief zu Montaigne war ihn gerichtet]

[1] Michel de Montaigne: Essais. Übersetzung: Hans Stilett. Frankfurt 1998.

[2] Ein einfaches Beispiel aus diesem Essay: „Eine Nutte, die ich kauf, regt mich weitaus wen’ger auf“ (S. 434). Original: „Offendor moecha simpliciore minus“, französische Übersetzung: „Je suis moins choqué par une plus franche putain“, ich würde das so übersetzen: „Weniger schockiert mich die einfachste Hure“.

[3] Die ältere Ausgabe ist: Montaigne: Essais, Paris 1964. Die neuere Ausgabe: Montaigne: Les Essais. Paris 2002.

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