Ekatontapiliani


1/ Ekatontapiliani

Namen sind vergeben, damit wir sie aufsagen können. Und beim Aufsagen uns erinnern, das ganze große Bild hervorrufen, auch wenn wir es nicht kennen, so genau nicht kennen.
Hier schreibe ich ihn auf, sage ihn her, den Namen Ekatontapiliani. Wie lange wird er schon von Mund zu Mund gereicht, gezeigt, als sei das Wort bereits ein Bild.
Herumgereicht, daraufhingezeigt, aus eineinhalbtausend Jahren des Gebets. Aus wievielen Jahren haben wir das Wort?
Tasten es ab, berühren sorgsam den Ton, die Abfolge der Töne oder den ganzen Satz. Im Licht der Kerzen, im Gebet.

Ekatontapiliani. So heißt es, so wurde es erfunden, dahergesagt, um Verbindungen hören zu lassen. Hundert Tore, hundert Säulen, hundert Fenster. Einschnitte im Stein.

Der Priester kommt in prächtigem Gewand zum Tor, das Kind einzuholen. Begrüßen und empfangen. Gebet, und Stille um das Gebet, manchmal Flüstern, manchmal Innehalten.

Hier sagen wir es auf: Ekaton – ta – piliani. Um unsere Erinnerung daran zu knüpfen, wenn das Bild schwächer zu werden beginnt, ein Name, Skelett von einem Wort. Später vielleicht nur die Erinnerung an ein Wort, an das Wort: Piliani. Das Wort Bogen, das Wort Fenster, Licht.

Wir stehen hier; so warten wir und beten, zünden die Kerzen an. Das Kind steigt in ein silbernes Becken. Öl. Die Kleider werden aufbewahrt. Salbung. Die Gebärden, Ekaton, wiederholt, immer wiederholt in unzählbaren Malen.

Die Namen geben Dingen ihren Halt; Kleiderständer für unsere Erlebnisse. Wir geben Namen, um einzuordnen, was entgleitet, was uns nur einmal erscheint und dann verschwindet in der Luft, im Licht des Tages, das über dem Wasser schwebt, wenn wir nur hinzuschauen wagen.

Schauen wir hin? Geben wir uns hin?

Das Kind steigt aus dem Wasser, wird neu gekleidet. Gesang und Gebet.

Damit wir uns erinnern, einen Tag, den nächsten – und den übernächsten Tag. Unter welchen Bedingungen vergeben wir die Namen, benennen wir die Dinge, sagen wir das, was uns zu umgeben scheint, neu, was wir nicht erfassen. Nur im Nachhinein, wenn wir dorthin zurückwollen, weil wir vielleicht nicht begriffen haben.

Das Kind ist getauft, die Bewegungen wiederholt, die Zeichen, Gebärden sind getan, die überlieferten Worte gesprochen, das Gebet als Litanei, eine ununterbrochene Reihe.

Später sitzen wir zusammen, später werden wir dorthin kommen. Die Namen werden uns helfen, gerade wenn wir uns verirren.

Mit deinen Wörtern, deinen eigenen und den fremden, mit den erfundenen Wörtern tasten, festhalten, das Geschehen vorbeigehen lassen.

In der Straße siehst du, aufgeschichtet, die Säulenscheiben, angeschnitten als seien sie zur Schau gestellt. Draußen am Meer wird das Kleid gewaschen, das Salböl treibt davon. Unter den Bäumen eine letzte Rast. Abschied wird genommen. Die Namen bleiben dir.

Wie nehmen wir die Namen, die auf uns kommen, weil die Dinge, die Gegenstände, die Tage, die Geschehnisse und die Orte einen Namen bereits haben? Wie spüren wir den Einfluß, den eine Überschrift hat auf diesen kleinen Text? Was würden wir hören, hieße es nicht „Ekatontapiliani“, sondern nur „Hundert Tore“ oder „Hl. Jungfrau Maria vor der Stadt“?

Wie wird das Denken bestimmt durch ein beschreibendes Wort, durch einen fremden Klang? Wie sehr brauchen wir das Fremde, um uns selbst zu spüren, um selbst zu sein und das Andere werden wollen, werden können.

Ich bleibe stehen, ganz nah. Gelassen und berührt.

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Dies ist der ‚fehlende‘ Essay zu dem 2004 geschriebenen Brief 
‚Bereit zur Abfahrt‘ . Februar 2008.

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