Parade

Alle meine Freunde sind zusammen gekommen. Sie sind vor ihre Ateliers, vor ihre Werkstätten, vor ihre Büros, ihre Wohnungen, ihre Heimstätten getreten. Das haben wir so abgesprochen, um in einem Augenblick gemeinsam herauszukommen, vor die Häuser zu treten, auf die Straße. Die buntesten Hemden, die prächtigsten Blusen, und Jacken und Kleider sind ausgewählt für diesen besonderen Moment; einige haben große Hüte  aufgesetzt, mit Blumen im Band oder mit Vogelfedern.

Ist Max dabei? Ja, Max ist dabei! Ist Peter dabei? Ja, ich sehe auch Peter vor seinem Zirkuswagen. Der andere putzt sich die Schuhe und zwinkert mit den Augen! Ist auch Till dabei? Er hat sich ein helles Ocker auf die Wangen gestrichen – Farben aus seiner Provence! Helmut? Er malt an seinem „F“. Anselm? Holger? Ralph? Die beiden tragen Gartenwerkzeuge und haben sich untergehakt.  Anneliese hält eine neue Grammatik in der Hand. PA kommt mit einem Sack Kieselsteinen. Sie sind alle hier! Ist Agnes da? Ich sehe die eine, sie trägt einen bunten Rock von ihren indianischen Freunden, auch die andere ist da, sie umarmt gerade ihren jungen Freund. Und Eddie? Der kommt mit seinen Kamera-Maschinen. Und Hartmut. Ja sie sind alle hier, ich sehe sie und ihre Freunde, Oliver, Martin, Astrid und Catrine, und Johannes, ja beide, sie sind gekommen und haben sich uns angeschlossen. Der eine hat seine Ubu-Roi-Krone aufgesetzt; der andere scheint zu beten. Und Ingrid? Ja! Und Heinz? Er hat sein Béret schief auf dem Kopf, es steht ihm gut, wie immer!

Wir wollen das Leben ändern, wir wollen selbst unsere Kunst, die wir gemacht haben, ändern, sie weiter bringen, entwickeln, nach vorne schubsen, weil wir einen neuen Schritt wagen, voll Zuversicht, in einer großen Ruhe und mit Entschiedenheit. Wir verlassen die Zirkuswagen, die kleinen, die großen Zimmer, die Dachkammern und die Keller in denen wir gewohnt haben, alleine, jeder für sich oder in kleinen Gruppen lebend, ohne uns alle gegenseitig zu kennen, ohne die Straßen in der Stadt zu kennen,  und die Dachreihen und die Dockanlagen, die Villenviertel, die Bahnhöfe und die Bushaltestellen.

Es zieht bei jeder Gruppe einer mit, der die Trommel schlägt, ein anderer spielt die Trompete oder die Posaune, die ist mir lieber, oder die Klarinette und Helmut das Bandoneon. So ziehen wir durch die Straßen der Stadt, die Bürger schauen zum Fenster heraus und wundern sich über den Aufzug, unser Aussehen, unsere Musik und unsere Plakate. Über unsere Gespräche, die wir untereinander leise führen – wir besprechen unsere Pläne für die nächste Stunde, für die nächste Minute und den nächsten Tag, das nächste Jahr.

Was werden wir tun? Was wollen wir mit unserem Leben machen? Wie wollen wir es ändern, verändern, wie werden wir danach sein? Was wünschen wir uns, wohin wollen wir?

Nach dem Zug durch die Stadt, nach der Parade der Bunten, der Masken, der Theaterfiguren, der Deklamationen und Proklamationen zerstreuen wir uns wieder. Jeder, mit seinen eigenen Freunden, wie sie sich zusammengefunden haben, geht wieder seinen Weg, nach rechts, nach links, geradeaus oder auch zurück; jeder bleibt für sich. Doch im Innern, in jener Seelenschicht, die nur für die Innigsten erreichbar ist,  sind wir uns nah, und zugleich ein jeder in sich allein. Ein jeder, eine jede, für sich glücklich und gelassen und ab und zu sich zuwinkend, auch wenn niemand mehr für den anderen sichtbar ist. Sichtbar dennoch.

 

——

Für Ilia Irmina, meine Tochter, vor einem neuen Lebensabschnitt. 
August 2017

 

 

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