Der Streit des Achill

Lieber Gabriel !                       15.7.11 Drosia, nördlich Athen

In den Restaurants sitzen die Menschen und freuen sich über das gesellige Beisammensein, die Gespräche und das Essen. Es ist ein reges Treiben. Auch an einem Mittwoch oder einem Donnerstag. Die Lokale sind voll besetzt, manchmal warten Gäste darauf, dass ein Tisch frei wird…
Das erscheint mir sehr erstaunlich, denn dieser Eindruck steht in krassem Widerspruch zur wirtschaftlichen Lage des Landes. Oder gibt es eine Beziehung zwischen der wirtschaftlichen Lage der Gemeinschaft und derjenigen der einzelnen Bürger nicht? Vielleicht ist das Bild, das sich hier bietet, eine Ausnahme, denn wir befinden uns in den nördlichen Außenbezirken Athens, wo die Luft besser ist, wo mehr private Swimming-Pools zu zählen sind als anderswo in der Stadt, wo die meisten der teuren Autos in den Garagen stehen. Oder nun vor den Restaurants. – Es könnte sein, dass die zahlreichen 4×4-Wagen gut gewählt worden sind, wenn der Staat in Zukunft die Straßen nicht unterhalten kann und die Schlaglöcher sich vervielfältigen werden, und es dann von Vorteil sein wird, mit einem Vierrad über die Straßen und durch das Gelände der Städte zu fahren.

Könnte es sein, dass die Griechen dem Geld andere Eigenschaften zuschreiben, als etwa die Deutschen oder die anderen Sparer-Nationen aus dem Norden? Dass das Geld hier in der Eigenart des Schwundgeldes (1) daherkommt, das jeden Tag an Wert verliert. So dass es so schnell wie möglich ausgegeben werden muss, um so viel wie möglich von seinem Wert zu nutzen. Sicherlich beflügelt diese Geld-Variante den wirtschaftlichen Aufschwung, ganz besonders, wenn es nicht in die Hände des Staates und seinen Steuereintreibern gerät, sondern direkt in andere, persönlichere Kanäle. Doch darüber mögen die Volkswirtschaftler streiten.

Streit gibt es ununterbrochen. Die Politiker des Landes, die der Regierung und die der Gegenseite streiten über das richtige Vorgehen in der verzwickten Lage, in der sich das Land befindet.
Vor Troia ist es genauso gewesen, also so weit zurück, wie die schriftliche Erinnerung der Griechen reicht. Ganz zu Anfang ihrer geschriebenen Geschichte wird von dem Streit des Achill berichtet, den dieser mit seinem Heerführer wegen eines erbeuteten Mädchens hatte. Eine Beute war ihm genommen worden, und dadurch war er in seiner Ehre so sehr gekränkt, dass er am weiteren Kampf nicht mehr teilnahm. Er ließ auch Vorbereitungen treffen, mit seinen Mannen, den Mirmidonen, nachhause zu segeln. Die Feinde bestürmen das Lager und es gelingt ihnen, eine erste Bresche in die Mauer zu schlagen, die ersten Schiffe, die Garanten einer möglichen rettenden Flucht, werden in Brand gesetzt. Ja, es brennt bereits im eigenen Lager, der Feind ist nah, doch Achill beharrt in seinem Zorn und nimmt am Kampfe nicht teil. Erst der Tod seines engsten Freundes Patroklos bringt ihn zur Besinnung.

Ein ähnliches Bild geben die griechischen Politiker von heute ab. Zwar besitzt die Opposition keinen Mann, der einem Achill an Kraft vergleichbar wäre, doch die Fähigkeiten, auch in gefährlichster, aussichtloser Lage noch zu streiten und zu zürnen, haben beide Gruppen schon. Und auch heute, wie vor drei- oder viertausend Jahren, geht es um die Macht, die Beute und das Ansehen. Dafür wird die Gefahr in Kauf genommen, dass sich die Lage weiter verschlimmert, ja, die Schiffe brennen, mit denen die Griechen eine glückliche Heimreise antreten könnten!
Vielleicht findet sich ein Odysseus, der die List erdenkt, sie zu retten.
Dem Odysseus gelang die Heimkehr, doch als er ankam in Ithaka, war er allein.

E.


Dr. Gavril Gougleris, Neurologe und Psychiater, arbeitet in Deutschland.

(1)

Zu Schwundgeld:  Siehe den Hinweis zum Schwundgeld in meinem Essay über Pound.

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