Avalanche

Saarbrücken, 2.10.2008

Liebe Silke!

Vor mir liegt die Nummer 8 der Kunstzeitschrift Avalanche vom Sommer/Herbst 1973. Auf dem Umschlag ein Foto von Robert Smithson, dem ‚Earth-Art‘-Künstler,  der gerade umgekommen war in jenem Jahr. Seine wichtigsten Arbeiten sind beschrieben und mit s/w Fotografien dokumentiert, die mit einer großen Trostlosigkeit behaftet sind.
Ein Interview von Liza Béar mit der Künstlerin Tina Girouard findet sich am Ende des Heftes. Das Interview fand am 8. August in Cecilia, Louisiana, am Küchentisch von Beatrice Landy  statt und wurde fortgesetzt am 17. September in New York City, ebenfalls an einem Küchentisch, im Haus Nr. 10 Chatham Square.
Die beiden Frauen sprechen über die Performances von Tina Girouard, den Einflüssen, die sie aufgenommen hat, und den Ideen, die sie vermitteln will. Sie erzählt, warum sie direkt nach dem Ende einer Performance von New York nach Louisiana gefahren ist, und was sie dort unternommen hat, im gerade vergangenen Sommer. Und so weiter, und so weiter.

Diese Ereignisse und die Beziehungen zu anderen Menschen, ob Künstler oder nicht, erscheinen als wichtige Momente, auch hier sind die Fotos eher bedrückend denn aufheiternd. Zumeist kann man die Gesichter nicht richtig erkennen, doch die Namen der abgebildeten Personen sind genannt. Oder man sieht nur ein Farmhaus mit einer Straße und einem Zaun und einem alten Auto.

Nun verkaufe ich dieses Exemplar. Es erinnert mich daran, daß wir unsere Zeitschrift zu eben dieser Zeit gemacht haben, die Fotonummer 13 mit Boltanski, und Gette, und Gerz und LeGac und anderen. Ich erinnere mich an die Arbeit „Die Vermessung von Los Angeles“ als die Vermessung einer Stadt mit einem Lineal, das vor das Auge (vor die Kamera) gehalten wird, um die Größe einer Palme zu bestimmen. Oder die Geschichte einer Jugend, erzählt mit den alten Familienfotos, die vielleicht gar nicht dem „Erzähler“ gehört haben, aber unserer eigenen Familie gehört haben könnten.

In allem geht es darum, die Zeit zu fixieren und wieder aus der Erinnerung hervorzuholen.
So ergeht es mir beim Nachlesen in diesen Heften, die natürlich ganz verstaubt sind und mich Niesen lassen.
War es tatsächlich so wichtig, was an den Küchentischen gesprochen und aufgezeichnet wurde, damit wir viele Jahre später davon lesen können? Nur deshalb?

Oder wie wichtig ist es gewesen, die ganze Nacht mit Martin Disler durch Zürich zu ziehen, von Kneipe zu Kneipe und von  Bar zu Bar und zu reden. Oder die Ausflüge mit Helmut Federle in die Plattenläden, um die neuesten Aufnahmen von Philipp Glas zu hören.

Reden. Reden.

Oder mit Boltanski in seinem Pariser Zimmer auf den Fersen hockend über seine Arbeiten sprechen. Neue Bücher und Hefte planen, die Ausstellung der Jugendfotos. Die dreitausend Lehmkügelchen, die er gemacht hatte, um sie in Ausstellungen zu zeigen. Die erfundenen Bettelbriefe, die er an irgendwelche Leute verschickt hatte…

Nach über dreißig Jahren ist das Geschichte geworden, ist abgelegt. Die Künstler, die wir gezeigt haben, sind in diese oder jene Richtung auseinandergegangen. Wir haben mit unserer Zeitschrift einen kleinen Augenblick festgehalten und anderen Kunst zeigen, Kunst vermitteln können. Was Kunst sein kann. Aber auch uns selbst haben wir das gezeigt und wir haben daraus Bestätigung gewonnen für unser eigenes Tun.

Die naturwissenschaftlichen Notate von Paul-Armand Gette, nämlich die Temperatur an einem gegebenen Ort zu einer gegebenen Zeit zu messen, die vorgefundenen Käfer mit ihrem wissenschaftlichen Namen zu benennen und die Luftfeuchtigkeit zu bestimmen und ein Foto als Beleg zu machen. Das wurde durch das Ausstellen zur Kunst, durch seinen Anspruch gar.
So wissen wir die genaueste Temperatur etwa am Rheinufer in Mannheim am 8. Januar 1974 und die Fauna im Wald von St. Germain en Laye am 28. November 1970 . An diesem bestimmten Tag! Ein Ereignis!
Wir halten dadurch einen Beleg in Händen, der uns ungläubig darüber nachdenken läßt. „War das tatsächlich so gewesen?“

Was war tatsächlich so gewesen? Was wird durch diese Fotos festgehalten und aufbewahrt? – Unser eigenes Leben?

E.

Silke Paull, Mitherausgegeberin der Zeitschift

„AQ – Situationen der zeitgenössischen Kunst & Literatur“,
seit der Nr. 12 (1972) bis zur Nr. 17 (1977).

Lebt an der Côte d’Azur.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: