Die Holzkugel

(1)

Eine kleine hölzerne Kugel schlägt gegen ein Metall und erzeugt einen leisen Klang, unregelmäßig, je nach dem Windhauch, der sie bewegt. Der Blick auf den Strand, der Griff zum Glas mit dem kalten Getränk. Die Sonne und die Badenden am Meer, der Sand an den Füßen. Eine verlangsamte Zeit, die wenigen Wolken ziehen dahin, die Stimmen hinter mir sprechen zu den Kindern, in anderen Sprachen. Die Wellen schlagen an den Strand, die Kinder springen schreiend und frohlockend ins Meer.

Das Eis im Glas verdünnt nach und nach den Ouzo, der erste Schluck war ein strenger Geschmack, zum Beginn, nun wird die Farbe weiß, ein nebliges Weiß, das Kühlung verspricht.

 

Die Erinnerung an die anderen Strände, die Erinnerung an die Namen der anderen Strände, Key West, Key Largo, ein Lido, Mimizan-Plage, Tropea, Vourvourou… die Namen und die Attraktion der Namen, wir sind Hemingway ganz nah und begrüßen ihn vielleicht am Nachbartisch, wir reden über die Locanda Cipriani, die ich liebe, die er liebte, und die Zeit zieht sich zusammen. Die gebräunte Haut glänzt im Schatten der Sonne, die Gespräche beschäftigen sich mit den Erfolgen bei der Schwertfischjagd, beschäftigen sich mit anderen Treffen, mit Freunden oder mit Fremden. Wir nennen die Orte. Morgen werden wir in den Wagen steigen und weiter fahren, entlang der Route treffen wir auf andere Namen, die etwas zu sagen haben, Malakasa, Schiamatari, Evangelismos, Theologos – das ‚Wort Gottes‘ übersetzt – aber wir besuchen diese Orte nicht, wir fahren weiter. Morgen werden wir wieder in eine andere Welt zurückkehren, die gezeichnet ist durch ihren Rhythmus, markiert durch die Stunde und nicht durch die Sonne oder den Mond.

 

Wir können nicht mehr die unbekannten Orte entdecken, in denen nur die Einheimischen leben und keine Besucher, neugierig, ausgerüstet mit den Kameras und den Handys, der Ort ist allein bestimmt durch die geografischen Koordinaten. Wir können nicht mehr den geheimen Hinweisen folgen oder unserer eigenen Intuition: was wir treffen sind immer die Anderen, die schon hier gewesen sind, die ihre Fotos gemacht haben, die sie zum Bewundern verschickt haben an ihre Freunde.

Ich sitze nur hier, lebe hier meinen Tag, höre die fremden Stimmen, nehme der Zeit ihre Ungestümheit, sitze und sehe das Schwanken der Sonnenschirme, die ausgelegten Handtücher, höre die Brandung, vergleiche jede Welle mit der vorangegangenen Welle, mit der Welle von einem anderen Jahr, von einem anderen Strand, aus einer anderen Zeit.

 

Ich rufe andere Gespräche, andere Berichte herbei, die von anderen Orten, anderen Menschen oder von gerade diesem Ort, jenen Menschen erzählen; ihre Veränderung seither, ihre Ähnlichkeit, ihr Geschmack, ja, der Geschmack, ein Wunder der Sinne, die sich überlagern und verbinden.

Das in den Restaurants oder in den privaten Häusern aufgetragene Essen, die Gerichte, die neu erfunden zu sein scheinen, aber die es schon immer gegeben hat, nur du hast sie nicht gekannt: du wußtest nicht wie gegessen wird, eine lebende Auster, wie wird sie geöffnet, ein Hummer, die Meerestiere, eine Ente oder eine Taube mit Messer und Gabel. Die Bewertung der Weine aus der Gegend.

Die Wellen werden größer und schlagen mit lauterem Geräusch an die Felsen.

Ein Mädchen in weißem leichtem Kleid, ein winziger Rucksack auf dem Rücken, wie sie nun getragen werden, Sandalen an den Füßen, ein leuchtender Blick, wandert vorbei. Ein anderes Mädchen kommt aus dem Meer und wirft die nassen Haare mit einem Schwung zurück, die Zeit verharrt eine Weile, so lange, bis du selbst weiter wanderst, weiterziehst: die Fahrt im Auto weiter in den Süden, gibt es einen tieferen Süden als dieser hier? Die Fenster offen halten für den kühlenden Wind, quäkende Musik aus dem Autoradio, die wir nur erahnen, nicht hören, wo sind wir?

 

Der Wind blättert die Seiten um, auf denen ich schreibe, schlägt das Heft zu, und ich öffne es wieder. Nicht alles ist gesagt, nicht alles ist berichtet und ausgebreitet, für das Darüber-Wandern, für das Darüber-Wundern.

 

Am Abend die Lichter anzünden, die Kühle verspüren auf der Haut, die Brandung hören oder den Wind in den Bäumen. Die Gespräche weiter führen, oder nur die Stille in uns aufnehmen, schmecken, für diesen Moment.

[1] Dieser Text ist Edmund de Waal gewidmet,  der sich als Künstler und als Autor mit sehr kleinen Dingen beschäftigt. Er schrieb „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, der Geschichte einer Sammlung von fast dreihundert Netsuke im Familienbesitz seit Marcel Prousts Zeiten. – Ich selbst trage seit vielen Jahren eine Netsuke am Gürtel – es ist eine Schildkröte aus Elfenbein.

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