Über die Sprache

Dieses Jahr möchte ich über die Sprache schreiben, und den Einfluss der Sprache – wahrscheinlich durch ihre innere Struktur – auf das Denken, und auch ihren Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Denn das Benennen der Dinge verändert unser Bild der Dinge.

 

An den Übersetzungen kann man es spüren: während ein kleines Anhängsel am Wort die Bedeutung verändern, sie umbiegen kann in die eine oder andere Richtung, ja sie sogar in das Gegenteil umzudrehen vermag, oder sie in die Nähe einer anderen Bedeutung bringen kann, oder gar zu einem andern Wort machen kann, – so kann es in einer anderen Sprache ganz anders sein. Im Französischen etwa wird das, was ein Anhängsel in meiner Sprache vermag, zu einem völlig anderen Ausdruck, der schon die logische Analyse des Gesagten enthält, also eine Art Zerlegung. Zusammen mit den Teilen, auseinandergenommen und in seine logische Beziehung gesetzt, in eine Umstandsbeschreibung vielleicht, wird die Relation des einen zu dem anderen präsentiert, damit der Hörer oder Leser sie wieder zusammensetzen, sie in seinem Geist auferstehen lassen kann.

 

Die Frage ist, wie diese Gedanken und ihre Wörter, ihre Ausdrücke mithilfe des Transportmittels Sprache ankommen, beim Hörer, beim Leser, und wieder zu eigenen Gedanken werden. Wird Wort für Wort empfangen oder sind es schon andere, veränderte Wörter, andere Vorstellungen, die eigenen im Gegensatz oder als Ergänzung zu den fremden.

 

So habe ich in einem Text geschrieben „wiederholst du die Gebärden, als sei es eine Litanei. Immer wieder wiederholt.“ Und dies wird im Französischen zum „répétée de nouveau“, aber wo ist hier die Wiederholung des „wieder“? – Sie ist eingeschlossen in dem „de nouveau“ – von Neuem. Die lautliche Verdoppelung, die die Analyse auflöst und zu einer gleichmäßigen, ebenmäßigen Äußerung macht.

 

Was bedeutet das? Wird durch eine derartige Sprache der Zugriff zur Wirklichkeit zu einer augenblicklichen Zerlegung, einer Analyse, einem In-Beziehung-Setzen, während das „immer wieder wiederholt“ die Bewegung ist, fast wie eine Welle, die der vorangegangenen gleicht.

 

Genauso sind die Unterschiede zu anderen Sprachen, denken wir an das Spanische, Englische, Russische oder Griechische. Wie ist es in Tagalog, im Chinesischen, Eskimo oder Baskischen?

Verursachen diese Unterschiede in der Sprache auch die Spannungen zwischen den Gesellschaften, die jeweils eine andere Sprache sprechen? Oder innerhalb einer Gesellschaft die unterschiedlichen Dialekte? Wie funktioniert innerlich die Schweiz mit ihren vier Sprachen und wie funktioniert Belgien mit seinen zwei bzw. drei Sprachen (wenn man das Deutsche hinzunimmt)?

 

Man müsste untersuchen, ob im Augenblick des Endes einer Herrschaft des einen Volkes über das andere, auch die eine Sprache von anderen Sprachen abgelöst wird. Das Ende des Römischen Reiches wäre ein gutes Studienobjekt, ebenso das Auseinanderbrechen des Reiches nach Karl dem Großen, den auch die späteren Franzosen als ihren Vorfahren und König ansehen. In dem Augenblick, als die Teilung des Reiches vollzogen wird, wird sie bereits in verschiedenen Sprachen protokolliert.

 

Haben wir Berichte von den Inkas, als sie beginnen Spanisch zu sprechen, oder das Reich Attilas, oder der vielen anderen Reiche, England nach der Eroberung durch die Angelsachsen und die Normannen, der Befreiungskampf der Iren, der Algerier, der Vietnamesen?

 

Haben sich die Griechen deshalb unter den Ottomanen als Einheit behaupten können, weil sie (heimlich) ihre eigene Sprache gelehrt haben und sie so bewahrt haben und mit ihr ihre eigene Identität?

 

August 2016

Dieser Text ist Manfred Thiel gewidmet, der in seinem Buch „Wissen schafft Illusion“(Verlag BoD, Norderstedt, 2013. ISBN 978-3-7322-3252-9) mir viele Anregungen gegeben hat, um über die Wahrnehmung nachzudenken.

 

 

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