Im Bistrot

Luxemburg, 21.3.2015

Mit dem sicheren Gefühl, vielleicht aufgrund der jahrelangen Erfahrung, bin ich im „Bistrot de la Presse“, gegenüber dem Palast mit seiner auf- und abmarschierenden Wache, gelandet, als hätte ich gewußt, wohin ich gehen sollte; magnetisch angezogen. Hier sitze ich beim Wein – Zeit zum Nichtstun, dem luxemburgischen Dialekt der Gäste zuhören, ein wenig wieder die Gedanken schweifen lassen, die Zeit kosten, die vorbeizieht, die Minuten, das Hin und Her der Wache, die Stimmen hören, fast so wie in Paris, oder in der französischen Provinz, ein wenig an Lothringen erinnernd. Von der einen in die andere Sprache wechselnd, ohne Übergang, selbstverständlich und alle verstehen es. Was gibt es Schöneres, eine bestimmte Art des weiten Geistes, der Öffnung der Gedanken, der Gedankenläufe – ein Ausblick von der einen in die andere Kultur.

Mein Französisch habe ich, nach Studien und Übungen durch Briefe- und Tagebuchschreiben, in einem Bistrot in einer Stadt in Nordfrankreich gefestigt. In einer Provinzstadt mit Unter-Präfektur; das Umland ein riesiges Rübenfeld, sonst nichts.

Das Bistrot lag an einer Ausfallstraße – wohin aber kann man von dort fahren, oder von woher kann man in die Stadt kommen?

An den Abenden bin ich mit den Kameraden aus dem Lyzeum dorthin gegangen, nur ein Paar Schritt entfernt, um mich mit ihnen zu besprechen, die politischen, die anarchistischen Aktionen zu erörtern; das Leben, die Träume zu erzählen. Es waren keine Lebenspläne, keine Perspektiven, nur das tägliche Sein, denn weiter als bis zur nächsten Woche haben wir nicht gedacht.

Hier sind die Wände voller Fotografien, auf ihnen ist die großherzogliche Familie zu sehen, Paraden und Zuschaustellungen. Auf einem Sims eine Ansammlung von Postkarten; Fähnchen und Zettel und Plakate und Ankündigungen. Alle Gäste kennen sich und den Patron und die Patronne, Begrüßungen werden gesagt, Neuigkeiten werden ausgetauscht. Ich höre nur scheinbar unbeteiligt zu, dabei genieße ich den Klang der Stimmen, den Singsang des Dialekts.

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Jetzt könnte ich eigentlich die Fragen zu Griechenland und seinen wirtschaftlichen Problemen beantworten.

Die Situation hat eine biblische Dimension: die fetten Jahre zuerst, und danach die mageren Jahre. Doch in den Speichern ist nichts von den fetten Jahren geblieben, alles ist ausgegeben, verbraucht, verschleudert und vernichtet worden.

Nun befinden wir uns in den mageren Jahren und die Betroffenen wundern sich, wie das so gekommen sein mag, und vor allem, wer für diese Jahre die Schuld und auch die Schulden übernehmen soll.

Es liegt nahe, die Deutschen damit zu belasten, denn sie sind mächtig in diesem Europa und die Zeit des Krieges und der Besatzung und der Massaker ist noch präsent, als wäre es erst kürzlich geschehen, obgleich die mittlere und die jüngere Generation dies nicht selbst erlebt hat: doch wenn Familien direkt betroffen sind, wenn etwa ein Vater, ein Onkel oder ein Cousin als Geisel erschossen worden ist, so wird das nicht vergessen. Und überall im Land gibt es sie.

Aus den Überlegungen und den Diskussionen ist der Anteil der eigenen Verantwortung verschwunden. Nicht reiche Ernten waren die Grundlage für die fetten Jahre: sie waren geliehen – und nun wird die Rechnung präsentiert. Neues Geld gibt es nur im Tausch gegen weitere Zusagen von Einschränkungen: Kredit bedeutet einfach Glaubwürdigkeit, und da für den Staat keine Glaubwürdigkeit mehr besteht, versuchen die Regierenden, die anderen Länder mit schlimmen Szenarien zu schrecken. Gleichzeitig wird eine prinzipiell neue Politik gefordert, die vielleicht gut und gerecht wäre, die aber nicht allen anderen gefällt.

Nun weiß niemand, was kommen wird – und da die große Angst besteht, daß die Zukunft weitere sehr magere Jahre bringen könnte, versuchen alle beteiligten Mitspieler, anderen Mitspielern die Schuld an der kommenden Katastrophe zuzuschieben.

Die grundsätzliche Einstellung vieler Griechen gegenüber dem eigenen Staat ist die Ablehnung. Damit verbunden die Verweigerung, diesem Staat, das zu geben, was er braucht, um zu funktionieren. Da er nicht richtig funktioniert ist dies ein weiteres Argument, sich ihm gegenüber feindlich zu verhalten. Der Staat ist eine Einrichtung zur Versorgung der eigenen Leute, seien es Familienmitglieder oder Unterstützer der eigenen Partei oder Gruppe.

Das sehen natürlich auch die Staaten und Institutionen, die neue Gelder geben sollen oder müssen, und die dafür Änderungen im Staatsbetrieb fordern. Diese Änderungen würden aber die Konstruktion des Staates und dessen Beziehung zu den Staatsbürgern betreffen. Da diese Veränderungen sehr schmerzlich sind und zudem von außen bestimmt sind, werden sie abgelehnt. Dadurch werden die Reformen nicht voran kommen, was sodann als Scheitern der Politik betrachtet wird.

So scheint es keine Lösung zu geben, außer dem Zusammenbruch des Staates und seiner Einrichtungen, wenn der Staat kein Geld mehr ausgeben kann.

Das biblische Bild kann man weiter ausmalen: die Plagen, die den Pharao bewogen haben, das auserwählte Volk ziehen zu lassen, genau diese Plagen verkünden die Politiker. Sie verkennen aber, daß sie selbst von den Heuschrecken aufgefressen werden, wenn die Plagen über sie kommen werden.

Und wer hat dann diese Plagen über das Volk gebracht?

Die Anderen.

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Ich bestelle noch ein Glas Wein und zur Stärkung für die Rückfahrt ein Sandwich mit „Pâté de Campagne“ – der Kassenbon liegt ungefragt dabei, die Steuern auf diesem Konsum werden also bezahlt.

 

lux001

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Eine Antwort to “Im Bistrot”

  1. gudrun kyjak-lane Says:

    sehr zu treffend! und treffend!


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