Der Maler Gerhard Richter und die Tante Marianne

17.7.06

Der Maler Richter hat von einer Fotografie seine Tante Marianne abgemalt, ein wenig verwischt, ein Grisaille-Bild. Es zeigt eine junge Frau und vor ihr auf einem Tisch oder in einem Körbchen ein Baby, das sein Gesicht dem Betrachter zuwendet. Es gab diese Fotografie tatsächlich, aber bekannt geworden ist die Szene als Bild des Gerhard Richter. Es heißt „Tante Marianne“. Es heißt nicht „Meine Tante Marianne“. Der Titel gibt also nur den Hinweis auf den Namen und die verwandtschaftliche Beziehung, kein besitzanzeigendes Fürwort, denn es scheint klar zu sein, es ist diese Tante, die – laut Richters Biograph – in der Vernichtungsmühle des 3. Reiches untergegangen ist – also war sie schon nicht mehr die eigene Tante, sie war bereits eine Fremde. Sie wurde als „unwertes Leben“ ermordet, in jenem verschobenen Recht/Unrecht, für die höheren Ideale, für das gesunde Volkstum oder aufgrund einer Nutzenrechnung Input/Output, die volkswirtschaftlich ein negatives Resultat lieferte.

Richters Biograph berichtet, erst er habe Richter, den Maler, über das Schicksal der Tante Marianne aufgeklärt. Doch das Familiendrama erhält eine Potenzierung dadurch, daß Richters (späterer) Schwiegervater in das Verschwinden, in die Zwangssterilisation und somit indirekt in den Tod von Tante Marianne verwickelt gewesen ist. Er hat das Bild „Familie am Meer“ gemalt, auf dem der Täter mit seiner Familie zu einer Aufnahme am Strand posiert.

Doch davon weiß der malende Mensch Richter nichts.

Tante Martha – meine Tante Martha, Onkel Hans, mein Onkel Hans, Onkel Günther, mein Onkel Günther. Das sind die aus meiner Famile, die die „deutsche Geschichte“ erlebt haben, die von ihr geprägt wurden: die Zeit, in der die Unterscheidung von Recht und Unrecht nicht mehr festgeschrieben war. Es reihen sich andere Namen an, aber nur Wenige haben daran festgehalten, das Recht genau abzutrennen vom Unrecht. Auch wenn es um die höheren Ideale ging.

18.7.06

Vergangenes Jahr erschien ein Artikel über Gerhard Richters Familienbilder und deren biographischen Hintergründe (“Aus verwischten Bildern erwacht das deutsche Unheil”). Dieser Artikel beschreibt einige Einzelheiten aus dem Leben der Familienangehörigen, die auf alten Fotos erscheinen. Einige dieser Fotos hat Richter als Vorlage für seine Grisaille-Bilder in den 60er Jahren benutzt. Zu diesen Bildern gehören “Tante Marianne” und “Familie am Meer”.

Tante Marianne ist als psychisch Kranke in Heime eingewiesen worden, wurde zwangsweise sterilisiert und kurz vor dem Ende des Krieges als “unwertes Leben” ermordet.

Weder die genauen Umstände des Sterbens von Tante Marianne, noch ihr genaues Schicksal nach der Verstrickung des Schwiegervaters seien dem Maler bekannt gewesen. Demzufolge sind die Schicksale hinter den abgebildeten Personen für die Bildentstehung unwichtig, denn sie kommen erst im Nachhinein ans Licht. Vom Biographen werden sie benutzt, um sie als Überhöhung der Bilder zu interpretieren: obwohl damals nicht bekannt, werden sie zu einer die deutsche Geschichte spiegelnden Tatsache gedeutet.

Inzwischen ist die Entdeckung von Tante Mariannes Schicksal zu einer kunstgeschichtlichen Sensation aufgebläht worden, mit der Folge, daß dieses Bild auf dem Kunstmarkt plötzlich den zehnfachen Preis erzielt, während andere Bilder aus der selben Serie noch zu dem gewohnten Preis gehandelt werden.

Hierzu gibt es zwei Thesen:

– Richter sagt die Wahrheit – und er wußte nichts vom Schicksal seiner Tante und den Taten seines Schwiegervaters.

Das Nicht-Wissen läßt den malenden Menschen Richter als den typischen Deutschen erscheinen, der nichts wußte, weil er nichts wissen wollte, auch Jahre später nichts wissen wollte. Er leugnet die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Geschichte. Wenn man an die Unschuld glauben und mit allen Mitteln an ihr festhalten will, dann glaubt man auch an eine “Ehrenmitgliedschaft” eines Prominenten in der NSDAP und ihren Organisationen. Doch auch eine “Zwangs-“ Ehrenmitgliedschaft ist keine Erklärung oder Rechtfertigung der Zwangssterilisation.

– Richter wußte davon.
Es stellt sich die Frage, ob dieses Schicksal in irgendeiner Weise in dem Bild bzw. in den Bildern zum Vorschein kommt, damit der Betrachter dies in seine Rezeption und in sein Verstehen einbeziehen kann – gerade angesichts der deutschen Geschichte.
Die Antwort auf diese Frage ist Nein, denn nirgendwo kommen die Beziehungen zwischen den beteiligten Personen zum Vorschein; es gibt auch keinen Diskurs um diese Bilder, der dazu herangezogen werden könnte, denn der Maler hat uns das verschwiegen, und dies ganz bewußt.

Richters Grisaille-Bilder sind keine bildernerische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit – sie nehmen diese Fotos als Vorlage und arbeiten damit wie mit jedem anderen Motiv. Sie reihen sich ein in die Bemühungen und Versuche der 60er Jahre, das Medium Fotografie für die Malerei zu nutzen, in Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Künstlern wie Christian Boltanski oder Hans-Peter Feldmann auf der einen und dem Photo-Realismus auf der anderen Seite.

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20.8.06, Rovies, Euböa

Das Verschweigen der Vergangenheit, das Verschweigen der Teilhabe an dem Unheil der Vergangenheit, wie es nun wieder mit dem verspäteten Eingeständnis des Günter Grass auftaucht, erscheint mir eine Parallele zu Richters “Nicht-Wissen” zu sein. Ist es nicht ärmlich in der Seele, diese Teilnahme verschwiegen zu haben, während die “großartigen” Leistungen aus der eigenen Vergangenheit doch immer ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden wollten – um daraus Ansehen, Anerkennung, Würde, Größe (geistig, moralisch) ableiten zu können?

Zieht man als Betrachter – also von außen – eine Summe, so ergibt sich für diese Künstler als öffentliche Personen nur ein “Ungenügend!”

 

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Ist die Teilnahme, schuldhaft oder schuldlos, an dem größten möglichen Verbrechen der Geschichte nicht dadurch wenigstens einer Sühne näher gebracht, daß sich die Beteiligten, die Akteure, dazu bekennen? Gerade den Nachgeborenen dadurch Zeugnis ablegen, durch welche Umstände und Bedingungen dies möglich geworden ist? Doch ist es gerade auch dieses Verschweigen, das Voraussetzung dieser Untaten ist. Die persönlichen Strukturen des Denkens und des Handelns aus  denen das Verschweigen hervorgeht sind auch diejenigen Strukturen, die die Teilnahme daran ermöglichen – in einer schlimmen Kongruenz.

Schließlich bedeutet dies, daß die persönlichen Bedingungen heute wie vor sechzig oder siebzig Jahren vorhanden sind. Lediglich die institutionellen Bedingungen haben sich gewandelt. Würden sie sich zurückverwandeln, so wäre das gleiche Unheil wieder möglich.

 

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War es nicht das große Fehl des Parzival, daß er die naheliegende Frage “Woran leidest du?” (Was wirret dir?) nicht gestellt hat?

Anmerkungen:

Der Artikel über Gerhard Richter erschien am 19.8.2005 in der F.A.Z. unter dem Titel: “Aus verwischten Bildern erwacht das deutsche Unheil”. Es sind Auszüge aus der Biographie von Jürgen Schreiber: “Ein Maler aus Deutschland”, München 2005.
Onkel Hans (Obst) besaß ein großes Radiogerät, leistungsfähiger als die Volksempfänger. Zusammen mit Tante Martha und den anderen Familienangehörigen hat er die BBC und Radio Bern gehört. Das Hören von ausländischen Sendern war unter Strafe gestellt.
Onkel Günther (Dunsbach) war eigentlich ein Großcousin. Er ist auf einem Foto vor dem Hotel Adlon in Berlin zu sehen, das der russische Kriegsberichterstatter Iwan Shagin 1945 gemacht hat. Seine Erinnerungen hat er selbst publiziert unter dem Titel “Aus meinen Kriegstagen – Berlin 1945, Eine Erinnerungsskizze”, St. Nikolaus, o.J. Auszüge davon sind erschienen in der F.A.Z. vom 15.4.1995, in Bengt von zur Mühlen (Hrsg.): “Der Todeskampf der Reichshauptstadt”, Berlin 1994 und in Guido Knopp: “Das Ende 1945 – Der verdammte Krieg”, München 1995. Er selbst schreibt: “Ich, als Offiziersbewerber der Luftwaffe, zum einen um der Infanterie und der Waffen-SS zu entgehen und zum anderen, um Flieger zu werden.” (S. 1). Dies à propos Günter Grass, dem Freiwilligen der Waffen-SS.

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