Pound /1

Heute blicke ich auf die Pisaner Gesänge, die Cantos, weil ich sie genannt habe in meiner ‚Schreibübung‘ (1) vom letzten Jahr.
Sie beginnen mit einem Trauerstück, sie nennen Ben und Clara, die aufgehängt wurden in Mailand. Wir wissen, was diese Namen bedeuten, was sie uns bedeuten und was sie Pound bedeutet haben mögen.
Wäre ich dabei gewesen, wäre ich beteiligt gewesen, hätte ich sie umgebracht? Damals. Wäre Pound dabei gewesen, hätte ich ihn erschossen?

Ich habe die Cantos gelesen, als ich keine einzige Fremdsprache sprechen konnte, kaum Französisch, kaum Englisch. Kein Italienisch, kein Latein, kein Griechisch, kein Spanisch. – Kein Chinesisch, kein Provenzalisch. Nichts.
Muß man diese Sprachen sprechen, um die Gesänge lesen zu können, muß ich die Umstände seiner Lagerhaft, die Ideen bezogen auf die Wirtschaft und das Geldwesen kennen? Ist es notwendig zu wissen, was das Schwundgeld der kleinen Stadt Wörgl bedeutet hat?

Oder folge ich den Lauten, den aufgeführten, aufgezählten, aneinandergereihten, den wiederholten Namen und Erwähnungen, und füge sie in mein Leben… bilde daraus neue Verbindungen, Szenen aus der Geschichte, Szenen aus meiner Geschichte.
Was weiß ich von dem Ort Ussel, von dem Wächter auf dem Turm oder der Expedition der Frobenius-Schüler nach Australien? Nichts weiß ich davon.
Nichts habe ich davon zu wissen, denn er sagt es mir hier.

Warum die fremde Sprache. Ein einzelnes Wort, eine Wortzeile, eine Zeile, immer wieder. Intarsien, aus dem Prägestock, die aufeinander antworten. Antwort suchen. Wer ist es, der hier in einer Zeile auftaucht und dann wieder verschwindet. Genannt wird, und verschwindet.
Eine einzige Sprache genügt nicht mehr. Ein überlegter Satz genügt nicht mehr. Auch die lateinische und die griechische Schrift genügen nicht mehr – Ideogramme fügen sich ein. Sie halten den Schreib- und Lesefluß. Verharren. Kleinste Begebenheiten treten hervor. Die Unterschiede eines Wortes lateinisch geschrieben, dann griechisch, in Großbuchstaben, dann in Kleinbuchstaben. Sie sind der Rhythmus, in dem sich ein Satz an den anderen fügt, zurückkommt, um die eigenen Bilder einzuholen, wenn es denn Bilder sind und nicht Bildzeichen, Kalligraphie.

4 Vögel auf 3 Drähten. Ein Vogel auf einem
...
5 jetzt auf 2;
auf 3; 7 auf 4

Eine Sprache genügt nicht. Die Welt, (meine und seine), ist nicht faßbar mit der Sprache. Muß dennoch faßbar sein. Die Kontrolle der Sätze reicht gerade bis zum Ende eines einzigen Satzes. Aus entlegenen Gebieten wird zitiert. Die Menscheitsgeschichte und die Geschichte des Schreibers. Ein Tag, eine einzige Begebenheit für einen Tag, die Wolken am Himmel über Pisa.
Wer fällt ihm ins Wort, was drängt sich vor, kommt wieder, das Echo seiner selbst.

Nur so kannst du überleben. Nur so kannst du mit deiner selbst den Ansturm der Dinge, Erscheinungen, Ängste und Erinnerungen, ein fernes Glück, ein vergangenes Gespräch, ertragen. Nur so kannst du mitgenommen werden, folgst du den Lauten, den fremden Klängen, den Gesprächsfetzen, die gerade herüberklingen

pahk den Jeep doht drüben (2)

Herüberklingen und ich habe davon gehört, vielleicht in einer Zeitschrift gelesen, Pisaner Gesänge. Ein ferner Widerklang, meine Zeit zu Freiburg –

Einige Sätze wie Bleibe hier/ Bleibst du hier/ hau ab sind
unverständlich. Kleine Knospen auf den Fingernägelkuppen, die
mit klinggeschärften Rasierklingen nach und nach/
im Wellengang, der an Freiburg vorbeifließende Mondgang /(nach
Freiburg/Breisgau HINAUFfahrt Pound)/ vielmehr habe eine Theräß
auf MODEAUFNAHMEN die an der Brust vorbeiziehenden Strahlen in den
Augen; hier nicht mein.

Neben einem Teil der Wirklichkeit um dies, genau besehen. (3)

– nur mit unvollständigen Sätzen und immer wieder unterbrochenem Erzählen berichten, die Sätze in Deutsch und Französisch schreiben, weil eine einzige Sprache nicht genügt und sich in einer anderen Sprache eine andere Sicht, ein anderes Sein ergeben kann – vielleicht.

Manchmal ein lateinisches Zitat, nicht weil es die Belesenheit beweist, sondern weil es als Barriere gegen das einfache Verstehen und gegen das einfache Lesen dorthin muß. Weil das Verständnis nicht ausreicht, um zu leben.

Gewebeteile, -fetzen, von unseren inneren Fingern, mit denen wir das betasten, was uns umgibt, was uns in den Käfigen zu Pisa (oder wo auch immer) hält.  Was sagt ein einzelner Name, dessen zugehörige Person wir nicht kennen können, was sagt der Aufruf oder das Zitat, die Ortsangaben und die Zeitangaben – so als hätten wir dadurch ein Ortungssystem, unser eigenes, persönliches.

„Wären doch endlich einige Telefone verfügbar. In den Provinzen und Hauptstädten, der fehlende Strom. Provinz und Hinterland mit den vorgeschobenen Pavillons:

le pavillon en viande saignante sur la soie des mers et des fleurs arctiques; (elles n’existent pas.)“ (4)

(1) Canto LXXIX.

(2) ‚paak you djeep oveh there‘. Canto LXXIX.

(3) Theräss. Briefe in deutscher Sprache geschrieben aus dem Europäischen Abendland.  Dudweiler 1982, S. 47.

(4) Theräss, S. 123.
„Le pavillon en viande saignante…“ ist eine Zeile aus Arthur Rimbauds Gedicht „Barbare“.

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