Wikileaks und der Wohlfahrtsausschuß

Die französische Revolution wurde vorbereitet durch die Enzyklopädisten, denjenigen Männern (und Frauen?), die sich zum Ziel gesetzt hatten, das Wissen der Welt zusammenzutragen und öffentlich zu machen. Ihre Arbeit bestand nicht nur im Sammeln von Tatsachen, sondern auch im Erzeugen neuer Ideen, betrachtet man die Artikel der führenden Denker der Zeit. Durch das Formulieren eines Artikels wird das Wissen konzentriert und auf das Wesentliche gebracht. Die Argumentation gewinnt an Schärfe; alte Strukturen – der Kirche und der Gesellschaft – werden in Frage gestellt.

Die Öffentlichkeit, die von den Ideen der Enzyklopädie erreicht wurde, bestand aus einigen Tausend Käufern – zählt man die Auflagen der verschiedenen Ausgaben zusammen. Das ist eine geringe Zahl an Lesern in Bezug zur gesamten Bevölkerung des damaligen Frankreichs. Dennoch wurden diejenigen Schichten erreicht und gleichsam infiziert, die später die französische Revolution (mit-) getragen haben.

Die durch das regierende politische System eingeführte Kontrolle aller Publikationen wurde durch die Angabe falscher Druckorte im Ausland und im Verstecken der kritischsten Gedanken in Artikeln mit nichtssagenden Namen umgangen.

Im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Publikationen hatte die Enzyklopädie eine recht hohe Auflage, sie war also ein Bestseller (mit knapp über viertausend Exemplaren), doch ist dies für eine Durchdringung der Gesellschaft nicht genug. So muß man den Einfluß der Enzyklopädie auf die politisch-kirchlichen Verhältnisse nur als Teil einer viel größeren Bewegung, der Aufklärung, verstehen. Die Aufklärung selbst, in Frankreich mit dem schönen Wort „Lumières“ bezeichnet, war Mitträger der französischen Revolution. Ohne die tiefgreifende Kritik an Kirche, Monarchie und Adelsgesellschaft hätte sie sich nicht entwickeln können. Ohne die aufklärerische Idee der Gleichheit der Menschen wäre eine Aburteilung des Königs – der zum Bürger Capet geworden war – nicht möglich gewesen.

Bekanntlich führte die französische Revolution in die Phase des Terrors unter dem Diktat des Wohlfahrtsausschusses. Das heißt, einem ausgegliederten Teil des Konvents (dem legislativen Organ) gelang es, die Exekutive an sich zu reißen und unter dem Motto des „Salut publique“, dem Gemeinwohl, eben dieses Gemeinwohl zu bestimmen und durch diktatorische (selbstdefinierte) Maßnahmen zu schützen. Der Ausschuß definierte somit auch die Feinde dieses Gemeinwohls, ohne Widerrede, und schickte sie aufs Schafott.

Es scheint mir, daß es in der Geschichte jedesmal zu ähnlichen terroristischen Tendenzen kommt, wenn eine ausgegliederte Institution, nämlich ein Ausschuß, mit bestimmten Gewalten ausgestattet wird und wenn es diesem Ausschuß in der Folge durch seine Arbeit gelingt, immer mehr Einfluß und Macht zu gewinnen.  Ich denke dabei an den Ausschuß des McCarthy, aber auch an die Machtbefugnisse der Sekretariate einer jeden kommunistischen Partei. Das Sekretariat, als Ausschuß zur beschleunigten und effektiven Durchführung der Partei-Beschlüsse gedacht, wird zum beschlußfassenden Organ, das nicht mehr kontrolliert wird, es sei denn von seinem Generalsekretär.

Bleiben wir bei dem Wohlfahrtsausschuß der französischen Revolution: erst als der Konvent sich seiner eigenen Befugnisse und Macht besann, konnte ein Robespierre überstimmt und entmachtet werden.

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Allein durch die Veröffentlichung von bestimmten, zuvor geheimen Informationen können die existierenden Machtverhältnisse hinterfragt werden. Eine verwandte Bestrebung verfolgt Wikileaks (oder ähnliche Gruppen): durch das Publizieren von geheimen Informationen (Dokumenten) eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen und Strukturen zu ermöglichen, um eine bessere Welt zu erreichen (1). In diesem Punkt ist Wikileaks mit der Enzyklopädie vergleichbar. Auch versteht das herrschende System die Bedrohung und bekämpft(e) sie. D’Alembert, einer der Herausgeber der Enzyklopädie, saß mehrere Monate in Haft – Informanten von Wikileaks wurden in Haft genommen und angeklagt. In beiden Fällen steigert dies das Interesse der Öffentlichkeit; es ist also für eine Unterdrückung kontraproduktiv, aber vielleicht unvermeidbar.

Doch gibt es gravierende Unterschiede: Jede Enzyklopädie sammelt, sortiert, führt zusammen, verkürzt und komprimiert das vorgefundene Material und erzeugt dadurch neues Wissen. Anders Wikileaks: hier geht es um die Veröffentlichung der nackten, unbearbeiteten Information. Der Rohstoff Information in seiner elementarsten Form, dem Dokument. Der Masse an Dokumenten. Im Gegensatz zur Enzyklopädie wird aus diesem Material nicht die Quintessenz gezogen, es wird auch nicht das Ergebnis langer, vielleicht jahrzehntelanger Reflexion und Diskussion in den Artikeln zusammengefaßt, konzentriert und organisiert. In Wikileaks werden Dokumente (deren Authentizität nicht immer belegbar ist) nebeneinander gestellt. Das daraus zu gewinnende (neue) Wissen soll sich der Leser selbst erarbeiten.

Wikileaks, zumindest in seiner jetzigen Form, kann und will somit kein neues Wissen bilden, es kann uns allerdings den (Roh-) Stoff dazu liefern, etwa dann, wenn interne politische Berichte veröffentlicht werden, die zu neuen Einsichten führen können.

Hatte die Enzyklopädie das Ziel, das aktuelle Wissen der Zeit darzustellen, so müßte Wikileaks alle Dokumente der Welt veröffentlichen. Doch nur die Veröffentlichung skandalträchter Dokumente läßt Wikileaks weiterleben; die moderne Informationstechnologie macht es möglich: selbst ein großes Archiv läßt sich auf wenige Datenträger kopieren und verteilen (2).

Als Skandal, der aufmerken läßt, kann nun bereits der schiere Umfang  der Dokumentensammlung und ihre Einstufung als „Geheim“ dienen – denn es ist davon auszugehen, daß ein derartiges Etikett nur skandalträchtigen, sprich Aufsehen erregenden, Informationen angeheftet wird.

Darüber, was veröffentlicht wird, entscheidet im Falle der Enzyklopädie der – oder die – Herausgeber. Im Falle der Pentagon-Ppaiere waren es die jeweiligen Redaktionen der Zeitungen, die daraus zitierten. Bei Wikileaks entscheidet eine anonyme Gruppe von Menschen, die vor allem über das technische Know-How verfügen, um die Publikation bewerkstelligen zu können unter der Wahrung der Anonymität des Datenlieferanten. Diese Gruppe ist von der Mission getrieben, alles müsse veröffentlicht werden – es dürfe keine geheime Sphäre mehr existieren, bei wem auch immer.

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Die Zielsetzung der Aufklärung und ihres Fanals, der Enzyklopädie, war die Einführung eines neuen Wissensmodells: alles kann hinterfragt werden, alles kann in Frage gestellt und durch den menschlichen Verstand überprüft werden. Die revolutionäre Kraft kommt aus diesem Konzept.

Die Zielsetzung von Wikileaks liegt darin, den Vorhang der Geheimhaltung von möglichst vielen (allen?) Dokumenten wegzuziehen. Dabei stützt sie sich auf die Ergebnisse und Möglichkeiten einer technischen Revolution, ist aber selbst nicht revolutionär: sie erhofft sich, daß die Dokumente revolutionäre Auswirkungen zeitigen werden.

Die Parallelität von französischer Enzyklopädie mit ihren Folgen und Wikileaks liegt nicht zuletzt darin, daß sich auf der einen Seite der Wohlfahrtsausschuß bildete und auf der anderen Seite eine anonyme Entscheider-Gruppe mit absoluter Macht über die Dokumente. Diese Gruppe fühlt sich dazu berufen, unsere informatorische, politische Wohlfahrt allein zu bestimmen.

Die Entwicklung der französischen Enzyklopädie und ihre Einflüsse auf das Geschehen im Frankreich des 18. Jahrhunderts sind bekannt. Die Folgen von Wikileaks sind noch nicht abzusehen.

Die Vertraulichkeit aber, was die andere Seite des Geheimen ist, hat gelitten. Ein zweifelhafter Gewinn, auch für einen Aufklärer.

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(1)

„it (= principled leaking ) can lead us to a better future“. Quelle: www.wikileaks.ch

(2)

Während Daniel Ellsberg Wochen benötigte, um die Pentagon-Papiere zu kopieren.

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