Im Maschinenraum der Sprache

Im Maschinenraum der Sprache von Agnès Rouzier [1]      

Von überallher kommen die Wörter, werden ausgegeben, zitiert, ausgeschieden, ausgesprochen, ausgeworfen, aus anderen Literaturen, Texten, Büchern, eigenen oder fremden Briefen, hie und da aus einer anderen Sprache, aus dem Italienischen oft. Die Übersetzungen haben neue Varianten erzeugt; sie sind der Stoff für weitere, von ihnen ausgelöste Wörter, Wortgedanken. Ein kleiner Teil wird verändert oder ausgetauscht gegen einen anderen Buchstaben, gegen einen anderen Laut. (“ Toi, rue – (et ruse, mais non point piège …) „) [2] Andere zusätzliche Bedeutungen fügen sich an, werden wieder aufgegriffen und werfen sich neue Variationen, Änderungen, Ausblicke zu. Namen werden genannt, deren Klang bedeutsam ist, die wir aber nicht verstehen.

            „Vorbereitung für den Abend. Hotel. Hotel. Nègre-Coste, Nègre-Coste… Zigaretten. Abend. Abend. Vorbereitung für den Abend. – Sie sagte zu sich: ‚Das ist mir egal!‘ – Nègre-Coste. Nègre Pelisse, Nègre. Nègre. Zimmer Nummer I.“ [3]

– was bedeutet es ? Der große Korso wird genannt, von dem die Geräusche heraufdringen. Nègre-Coste, nur ein Name, über den meditiert wird, genauso wie über all die anderen Namen mit ihren Attraktionen, das sind Anziehungen, das sind Blendungen, Verblendung und leuchtende Erinnerung.

All das ist die Arbeit mit der Sprache und an ihr – „poudroyer, poudre[4]… Zerstäuben, was nicht Staub ist; nah am Tod, am Verschwinden, Zerstäuben und Zerstören.

Aus dem Lauf der Sätze, der Abfolge der grammatischen Elemente, Akteur und Objekt, bilden sich damit verbundene Sätze, direkt nach dem Aussprechen wieder zurückgenommen, da verneint; ausgesprochen, geschrieben, hingeschrieben und mitgeteilt – gelöscht sogleich.

            „Die Töne, so leicht, so unmöglich, brechen sie sich im Innern von… Er, du, ich, wir: eine Art Wiederholungsschale.  (Im Innern dieser Arbeit, dieser Furcht, die sie nicht verlassen wird, weder vorher, noch nachher). Aber du, Gesicht, wenn ich dich erfunden habe, wenn du dich bewegst, und du, tiefer, stimmloser, du, Blut, unter den offenen Lippen, Weg, der vorbeigeht, vorübergeht, stört, und dahinter…“ [5]

Den Satz verneinen, den Wunsch verneinen, die Aussage selbst wieder aufheben und sie nur in dieser Aufhebung dahin gestellt lassen als eine Wahrheit, als eine Wirklichkeit.

            „Wie könnten wir, die wir nun auf unseren Felsenspitzen stehen, Angst vor der Angst haben?

            Wir haben Angst. Niemand ist da. Ich will nicht mehr. Doch eigentlich weine ich.“ [6]

Das kann er, der Satz: sich selbst verneinen, solange er noch die Herrschaft hat über die Zeit, über den Augenblick, in dem er geäußert wird, bevor auch er der Zeit, dem Zwang der Zeit anheim gegeben ist.

Der Wechsel, der Sprung von einem Augenblick und seinem Wort, seinem Satz zum nächsten Wort und zum nächsten Satz, verstärkend, verneinend, in Frage stellend, das Wort zur Frage machen: „ist dies so, wie es sich sagt?“ führt das Schreiben weiter, ohne Unterlass, bis zu jenem Verstummen, jenem Schweigen, das der Hintergrund all dessen ist, vor dem es sich abhebt – schreiben, schweigen.

Eine unendliche Sprache. Das unendliche System, von den Grammatikern in der Theorie beschrieben, die unendliche Maschine, die Wort- und die Satzmaschine.

Reden, Mitteilen, sich selbst mitteilen, nach außen geben, das Innere, manchmal nur kontrolliert durch die winzige Gegebenheit, eine Gebärde, ein kurzer, irgendwo gelesener, irgendwo empfangener Satz, eine Anspielung, ein nicht bemerkbares Zitat, ein herbeigezogenes Stück eines anderen Satzes, eine Wendung nur: in diesem Satz festgehalten als ein Zeugnis für eine Vergangenheit, die in der Gegenwart dieses Schreibens ist, und in der Zukunft. In einer Gegenwart, die durch das Schreiben gefüllt ist, be-füllt ist, die nur durch das Schreiben ihren Wert erhält. Eine Gegenwart, die nur durch das Schreiben, ja, durch die Wörter mit Rücksicht auf ihren Ton gegeben ist. Sie nehmen sich an der Hand, denn sie sind verbunden durch eine geheime und doch offenbare Verwandtschaft, eine ferne Erinnerung an das, was gewesen ist, was sie, die Wörter, gewesen sind, als seien sie Lebewesen, für die es gilt, Sorge zu tragen. Schreiben, das nun weiterlebt, in den Zitaten und in den Lektüren, dort ist es aufgehoben. Es lebt zusammen mit den aufgehäuften, den gesammelten anderen Wörtern, aus denen sie einzeln oder im Verbund wieder hervorgezogen werden, weiter verwendet, gegeneinander gesetzt wie Kämpfer in einem langen Kampf. Können sie die Gegenwart erzeugen, können sie das Gegenwärtig-Sein hervorbringen, anrufen, spüren lassen, oder sind sie nur deren Sehnsucht?

            „Ihm, schon zurückgebogen, liebkost du den Hals (zu seinen Füßen eine grünliche Tasche als einziges Gepäck), während du, wendend, mit starrem Blick, beschleunigend, bremsend, du deinen Weg fortsetzt, während er, der Unbewegliche, (oder jeder andere) dich nicht einmal wahrgenommen hat.“ [7]

Wörter sind so abstrakt, von ihrem Ursprung getrennt, so unvollkommen und schmerzhaft in diesem Mangel. Deshalb müssen sie wiederholt, aneinander gefügt werden, müssen sie vertauscht werden, manipuliert. Das eine Wort muss durch das andere hindurch scheinen, neue Bedeutungen kommen ihm zu. Sie bejahen und die Verneinung wird hinterher gejagt. So sind wir ihnen ausgeliefert und sprechen weiter, schreiben weiter auf der Suche nach dieser vollkommenen Harmonie, der Entsprechung zur Wirklichkeit in ihnen und zwischen ihnen selbst, ihren mitgelieferten Bedeutungen, schimmernd und immer wieder anders.

Diese Wörter bilden einen Raum und hinzu treten Teile von anderen entfernteren Räumen, Landschaften, Gebäuden und Legenden, leise gesprochene Gespräche und hingeworfene Notizen, aufblitzende Gedanken und verblassende Briefe, die ebenso dazu dienen, den ununterbrochenen Fluss zu tragen, zu beherbergen, bis er versiegt.

Doch bevor er versiegt tauchen die Gespräche wieder auf, Gespräche über die Geheimnisse der Seele, über die eigenen ausschweifenden Fantasien, von einem Ich, einem Du, einem Wir, jenen Personen, die noch Pronomen sind, Stellvertreter, Sprechende, Verstummende.

Till Neu: felsenspitzen

wie können wir, die wir nun auf unseren felsenspitzen stehen, angst vor der angst haben

Und du, und ich, und wir, wir schreiben weiter, weiter immer noch, und ich, und wir, wir lesen weiter, nehmen diese Wörter, Sätze, Briefe, Bücher, Abhandlungen, Notizen, Anmerkungen, Übersetzungen, Originale, Verfälschungen, Auszüge, Ausschweifungen, Lieder, Lobgesänge und Abgesänge, Zeichen und Erinnerungen, Ermahnungen, Aufforderungen, Fragen, immer wieder Fragen, verloren geglaubte Überlegungen, geheimnisvolle Schriften, Offenbarungen, Niederschriften, Diktate, Tagebücher und Erinnerungen, mahnende Sätze, niederschlagende Informationen, die Abwesenheit und die Anwesenheit in einem tröstenden Wort.

[1] Agnès Rouzier, 1936-1981. Publizierte – außer einigen Aufsätzen zur Literatur – : „Non, rien“ 1974 (Neuauflage 2015) und „Lettres à un écrivain mort“ 1981. Diese Lettres sind unter dem Titel „Briefe an einen toten Dichter“ im AQ-Verlag erschienen in meiner Übersetzung.  Till Neu hat Bilder zu diesem Text gemalt, die im Herbst 2017 erscheinen werden.

[2] Non, rien, S. 54. „Du, Straße – (und List, aber keinesfalls Falle…)“.

[3] Aus dem unveröffentlichten Roman „Hélène“, enthalten in einer Briefsendung vom 31.5.1965.

„Organisation du soir. Hôtel. Hôtel. Nègre-Coste. Nègre-Coste… Cigarettes. Soir. Soir. Organisation du soir. – Elle se disait : ‚Ça m’est égal.‘ – Nègre-Coste. Nègre-Pelisse. Nègre. Nègre. Chambre numéro I.“

[4]  „Lettres à un écrivain mort“, 2. Brief. (Furor Nr. 4, S. 61) Genauer Wortlaut: „Pouvoir : poudroiement de ce qui n’est pas poudre“.

[5] „Non, rien“, S. 16. „Si légers, impossibles les sons se répercutent à l’intérieur de… Il, toi, je, nous : sorte de conque à répétition. (Au sein de ce travail, de cette appréhension, qui ne les quittera, ni avant, ni après). Mais toi visage si je t’ai inventé, si tu bouges, et toi, plus profond, plus sourd, toi, sang, sous les lèvres ouvertes, chemin qui passe, dépasse, dérange, et derrière…“

[6]  „Lettres à un écrivain mort“, 2. Brief (Furor Nr. 4, S. 62)

[7] „Non, rien“ S. 48.  „Déjà, renversé, tu lui caresses le cou (à ses pieds un sac verdâtre pour tout bagage) alors que tournant, braquant, accélérant, freinant, tu continues ta route, tandis que lui, l’immobile, (ou tout autre) ne t’a même pas aperçu.“

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