Die Wiedergänger und der Würfelwurf

Saarbrücken, 21.10.2015

auf dem Weg nach Paris, 22.10.2015

Liebe Frau Dietsch[1]!

Ein Würfelwurf bringt überraschende Zahlen hervor.

Auf meine Frage, was denn Ingolds Fortschrift von Mallarmés „Coup de dés“[2] bedeuten würde, war Ihre Antwort: „das wird man beachten müssen!“.

Ist das nicht auch ein Würfelwurf – dem man sich anheim geben sollte?

Doch auch ein Telefonanruf kann den Zufall herausfordern und uns Wiedergänger zurück ins Haus holen.

Es sind Geister, die wieder kommen und wieder gehen; unabhängig von uns verfolgen sie ihre Bahn, ihren vielleicht vorbestimmten Gang. Es ist ihr verborgenes Leben und nur durch einen Wurf der Würfel werden sie sich uns zeigen, werden sie wieder zu uns kommen. So heißen sie denn im Französischen „Revenants“ – die kommen, die zurückkommen, zu uns: venir – revenir.

Ein Würfelwurf setzt den Zufall nicht außer Kraft. – Am selben Abend erhielt ich einen Anruf und eine freundliche männliche Stimme mit französischem Akzent stellte mir die Frage, ob ich einen Brief an Agnès Rouzier[3] geschrieben hätte, da gäbe es ja einen Hinweis in meinem ‚Dritten Brief an einen Toten‚ (Bernd Mattheus). Ihr Buch ‚Non, rien‘ sei neu verlegt worden in Paris, es würde eine Zeitschriftennummer über sie vorbereitet, ob ich denn einen Beitrag, einen Erinnerungsbeitrag, schreiben könnte.

Den Namen Agnès Rouzier werden Sie nie gehört haben und Sie werden auch keines der zwei oder drei Bücher oder wenigen Artikel von ihr kennen.

Ich habe Agnès Rouzier 1964 in Paris kennengelernt, weil sie aus dem Bus ausgestiegen war und mich, der ich zufällig in der Straße herumspaziert bin, angesprochen hatte: „Wollen Sie mich begleiten?“.

Von ihr habe ich meine „Education sentimentale“ und auch die „Education intellectuelle“ erhalten. Es war eine Liebe auf Distanz, gegründet auf einem ununterbrochenen Austausch von Briefen, rhythmisiert durch wenige Treffen.

Sie starb 1981 mit fünfundvierzig Jahren, doch da war unsere Beziehung schon unterbrochen. Ich habe über unsere Beziehung in der ‚Schreibübung – Ein langer Brief und ein Gedicht‘ geschrieben, auf diesen Text bezog sich mein Anrufer.

Die Stimme am Telefon hat mich wieder zu dem Buch ‚Non, rien‘ geführt. Dem Text vorangestellt ist ein langes Zitat von Mallarmé über das Schreiben und das Leben. Es beginnt mit: „Sait-on ce que c’est qu’écrire?“ – Weiß man, was Schreiben ist?

Zu ihren wenigen Veröffentlichungen gehören die „Briefe an einen toten Dichter“ (Lettres à un écrivain mort). Es sind Antworten auf Rilkes Briefe an seine Freundinnen. Biografie und Schreiben sind unentwirrbar ineinander geschlungen.

Ich habe diese Briefe (‚An Rilke‘) übersetzt und wollte mich auf die Suche nach Pierre machen, ihrem Mann, um die Erlaubnis zu einer Veröffentlichung einzuholen. In einem Interview des jungen Verlegers, der ‚Non, rien‘ neu herausgebracht hat, lese ich, daß er 1997 in Nordafrika ermordet worden sei.

Ein Würfelwurf hebt den Zufall nicht auf – ist er Glücksfall, ist er Unglücksfall?

Die Wiedergänger sind solange verschwunden, wie wir sie aus dem Blick verloren haben, doch die ganze Zeit gehen sie ihren Weg, sie sind bei uns, manchmal reißt die Wolkendecke über uns, reißt die Nebelwand vor uns auf und wir sehen sie wieder, vielleicht sind sie ein wenig näher gekommen.

Kann ich mich diesem Würfelwurf entziehen? Könnten Sie, liebe Frau Dietsch, mir nun noch einen Grund sagen, nicht den Fall der Würfel hinzunehmen: Ingolds Fortschrift drucken lassen und die Briefe an Rilke herausbringen?

Ihr E.S.

[1] Helga Dietsch. Kunstkritikerin. Ausdauernde Museumsbesucherin und Proust-Leserin. Hat zusammen mit ihrem Mann im AQ-Verlag eine Sammlung von Aufsätzen über den Maler Rudolf Stuckert publiziert: Helga Dietsch und Volkmar Dietsch: „Seht die Farben, die ich trage – Rudolf Stuckert und die Neue Rheinische Sezession“, Saarbrücken 2004.

[2] Felix Philipp Ingold. Forscher, Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, Büchersammler. Schrieb eine Fortschrift in fünfzehn Würfen zu Stéphane Mallarmés „Un coup de dés“.

[3] A. R. lebte von 1936 bis 1981. Publizierte nur wenig, u.a. „Non,rien“, das 1974 bei Seghers/Laffont erschienen ist. 2015 neu bei Brûle-Pourpoint, Paris. Ihr gilt meine „Schreibübung – Ein langer Brief und ein Gedicht“, Saarbrücken 2007.

Hier ist der Antwort-Brief!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: